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Die radikale Rechte und der Klimawandel

Prof. Dr. Matthias Quent (Foto: Axel Grehl)

Prof. Dr. Matthias Quent (Foto: Axel Grehl)

Deutschland überzieht sein Umweltkonto für dieses Jahr bereits seit Mai, global gesehen lebt die Menschheit 2021 seit dem 29. Juli – dem „Earth Overshoot Day“ – auf Pump. Aktuell bräuchte es den Planeten Erde 1,7 Mal, um die Ressourcen vorzuhalten, die vor allem im globalen Norden gebraucht werden. Die Erderwärmung als die „existenziellste Bedrohung in der Geschichte der Menschheit“, wie Professor Dr. Matthias Quent den Gästen im Studium Generale an der Hochschule Pforzheim erklärt, schreitet ungehindert voran. Und als wäre das nicht schlimm genug, haben rechte Parteien den Klimawandel zu einem ihrer neuen politischen Top-Themen erwählt. Jedoch nicht, um die bedrohliche Entwicklung im Sinne aller aufzuhalten, sondern um ihre Sprengkraft für sich und ihre radikalen Ziele zu nutzen und die gesellschaftliche Spaltung weiter voranzutreiben. Diese Gefahr zu erkennen und dem damit einhergehenden Klimarassismus Einhalt zu gebieten, steht im Mittelpunkt des Vortrags im Walter-Witzenmann-Hörsaal, zu dem die wissenschaftlichen Leiterinnen des Studium Generale, die Professorinnen Dr. Christa Wehner und Dr. Frauke Sander, am Mittwochabend eingeladen haben.

Rektor Prof. Dr. Ulrich Jautz (links), die Professorinnen Dr. Frauke Sander (rechts) und Dr. Christa Wehner begrüßen Prof. Dr. Matthias Quent an der Hochschule. (Foto: Axel Grehl)Rektor Prof. Dr. Ulrich Jautz (links), die Professorinnen Dr. Frauke Sander (rechts) und Dr. Christa Wehner begrüßen Prof. Dr. Matthias Quent an der Hochschule. (Foto: Axel Grehl)

Tiefgreifende Veränderungen durch Megatrends wie die Digitalisierung, kombiniert mit existenziellen Bedrohungen wie Pandemien und - als neuem Top-Thema - dem Klimawandel, der laut Quent zu massiven sozialen Zerwürfnissen führen wird, bereiten den Nährboden für das Entstehen radikaler Bewegungen. Der Klimawandel, erklärt der Professor für Soziologie für die Soziale Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal, sei ein „gefundenes Fressen“ für die Rechten. Sie behaupten, Klimaveränderungen habe es schon immer gegeben, die eigene Lebensweise trage keine Schuld, alles könne genauso weitergehen wie gehabt. „Die Funktion der Rechtfertigung beschreibt den Versuch, bestimmte Verhaltensweisen oder Realitäten für erlaubt zu erklären. Eine Verschwörungstheorie ist nicht deshalb plausibel, weil die Argumente gut sind, sondern weil sie den Gläubigen eine Erlaubnis erteilt, sich gesellschaftlichen Normen und Verabredungen zu entziehen“, beschreibt Quent den Mechanismus rechter Falschbehauptungen. Den Klimawandel als Begleiterscheinung der Industrialisierung und Kolonisierung der Welt anzuerkennen, hieße einzugestehen, dass die „glorifizierte abendländische Zivilisation auf der Ausbeutung und Zerstörung der Umwelt“ basiere. Die Rechten liefern die Rechtfertigung für diejenigen, die glauben wollen, dass alles in Ordnung sei.

Ebenso rassistisch beziehungsweise ideologisch aufgeladen sei der Begriff des „Menschengemachten Klimawandels“, da er suggeriere, dass alle Menschen im gleichen Maße für die Erderwärmung verantwortlich sind. Der Ursprung des Klimawandels liegt in der Industrialisierung. Die habe das Leben vieler Menschen zwar verbessert – jedoch bei weitem nicht für alle im gleichen Maße. Die größten Profiteure und damit Verursacher seien die Staaten des reichen Westens. Die größten Verlierer dagegen die, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben, aber schon jetzt am stärksten unter den Auswirkungen leiden: die Länder des meist armen, globalen Südens, wie afrikanische und südamerikanische Staaten. Diese Ungleichheit von Profiteuren und Verlierern, von Verursachern und Leidtragenden des Klimawandels zu ignorieren, sei Klimarassismus, so Quent weiter: „ungerecht und rassistisch“. Die Ärmsten der Welt könnten nicht verzichten, denn das würde in vielen Fällen den Hungertod bedeuten. Nicht die Menschheit schaffe sich mit dem aktuellen Verhalten mit Blick auf die nahende Klimakatastrophe ab, stellt Quent klar, sondern „das Modell der westlichen Industriegesellschaften des christlich geprägten Abendlandes der aufgeklärten Demokratie oder auch der weißen Vorherrschaft“.

Wie aber damit umgehen, wenn man im Alltag mit kruden Verschwörungstheorien oder schlicht falschen Behauptungen konfrontiert wird? Professor Quent plädiert dafür, moralisch nicht vertretbaren, menschenfeindlichen Meinungen zumindest im öffentlichen Raum „klare Kante“ zu zeigen und keine Plattform zu bieten. Ob eine Diskussion im Privaten bei überzeugten Verweigerern wissenschaftlicher Erkenntnisse eine Abkehr vom Klimarassismus bewirken kann, wagt er zu bezweifeln. Jedoch warnt er eindringlich davor, diese Menschen in die Isolation zu treiben. Denn diese, das sei ebenso bewiesen wie die Erderwärmung selbst, führe oftmals geradewegs in die Radikalisierung. Jedoch zeigt sich Professor Quent optimistisch, dass es einer wachen, aufgeklärten Gesellschaft gelingen kann, „die Rechten rechts liegen zu lassen“ und ihnen das Thema Klimawandel nicht zu überlassen. Denn Freiheit, so erinnert Quent mit den Worten Kants, bedeute auch immer, Verantwortung zu übernehmen.

Den Vortrag von Prof. Dr. Matthias Quent können Sie unter folgendem Link ansehen: https://www.youtube.com/watch?v=ILN7JZAID-E