20. Ökobilanzwerkstatt

Wie misst man Nachhaltigkeit? Bei der 20. Ökobilanzwerkstatt an der Hochschule Pforzheim diskutierten Nachwuchsforschende, wie ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte künftig gemeinsam bewertet werden können.

Nachhaltigkeit ist längst zu einem zentralen Thema unserer Zeit geworden – doch wie lässt sie sich wissenschaftlich bewerten und praktisch umsetzen? Am 25. und 26. September 2025 veranstaltete das Institut für Industrial Ecology (INEC) der Hochschule Pforzheim die 20. Ökobilanzwerkstatt. Rund vierzig Nachwuchswissenschaftler:innen und Doktorand:innen aus dem deutschsprachigen Raum kamen zusammen, um neue Methoden und Ansätze für die Nachhaltigkeitsbewertung von Produkten und Prozessen zu diskutieren.

Von der Ökobilanz zur umfassenden Nachhaltigkeitsbewertung

Traditionell werden in einer Ökobilanz (Life Cycle Assessment, LCA) vor allem Umweltwirkungen von Produkten untersucht – etwa wie viel CO₂ ausgestoßen wird, wie viel Energie verbraucht wird oder wie sich Abfälle auf die Umwelt auswirken. Doch für eine wirklich umfassende Nachhaltigkeitsbewertung reicht das nicht aus: Immer häufiger werden daher auch soziale und wirtschaftliche Faktoren berücksichtigt, etwa Arbeitsbedingungen, faire Löhne oder Kostenstrukturen. Diese erweiterte Bewertung nennt sich Life Cycle Sustainability Assessment (LCSA). Passend dazu fand die Ökobilanzwerkstatt unter dem Motto „Von der Ökobilanzierung zum Life Cycle Sustainability Assessment!?“ statt, das zugleich auch Titel des Auftaktvortrags von Prof. Dr. Tobias Viere war. 

Innovative Forschung und praktische Anwendungen

In Vorträgen, Poster-Sessions und Workshops wurden zahlreiche Projekte vorgestellt, die zeigen, wie vielfältig die Anwendungsgebiete der Ökobilanzierung heute sind. So ging es beispielsweise um die Umweltwirkungen von Solarkraftwerken, die Entwicklung nachhaltiger Batterien für Elektrofahrzeuge oder die Bewertung von innovativen Biogasanlagen. Auch die Integration von Lebenszyklusanalyse in Lernfabriken im Maschinenbau wurde diskutiert – hier lernen Studierende anhand praxisnaher Beispiele, wie Nachhaltigkeit in der Industrie umgesetzt werden kann.

Die Veröffentlichung der Beiträge in einem Tagungsband bot den Teilnehmenden zudem die Gelegenheit, das wissenschaftliche Publizieren mit Peer-Review-Verfahren einmal zu durchlaufen und sich damit auf weitere Publikationen vorzubereiten sowie zusätzliches Feedback zu ihrer Forschung zu erhalten.

Keynotes, interaktive Workshops und Barcamps

Zu den Höhepunkten der Veranstaltung gehörten die Keynotes von Prof. Dr. Mario Schmidt und Prof. Dr. Liselotte Schebek, die bereits bei der allerersten Ökobilanzwerkstatt im Jahr 2005 dabei waren. Prof. Schmidt zeigte in seinem Vortrag, warum die Berücksichtigung von Zeit und Beständen in der Lebenszyklusanalyse wichtig ist, um ein realistisches Bild von Umweltwirkungen zu erhalten. Prof. Schebek beleuchtete die Abgrenzung von Circular Economy gegenüber der klassischen Kreislaufwirtschaft und die Bedeutung und Herausforderungen dieses Themenfelds für die Durchführung und Methodik der Ökobilanzierung.

In einem interaktiven Workshop mit Philip Strothmann vom Forum for Sustainability through Life Cycle Innovation (FSLCI) entwickelten die Teilnehmer:innen gemeinsam eine „Landkarte“ der Ökobilanzierung. Diese visualisierte, welche Akteure, Standards, Tools und Initiativen derzeit im Bereich der Ökobilanzierung aktiv sind und wie sie miteinander verbunden sind.

Ergänzt wurde das Programm durch Barcamps, in denen aktuelle Themen wie Künstliche Intelligenz und Automatisierung, Unsicherheiten in der Bewertung, die Vermittlung mehrdimensionaler Ergebnisse sowie die Integration von Life Cycle Sustainability Assessment in die Hochschullehre diskutiert wurden.

Vernetzung und Zukunftsperspektiven

Neben den fachlichen Diskussionen bot die Werkstatt zahlreiche Gelegenheiten zum Austausch und zur Vernetzung – etwa bei einer gemeinsamen Freizeitaktivität im Pforzheimer Gasometer, wo die Ausstellung „Amazonien“ besucht wurde.  

Die Ökobilanzierung hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und wird zunehmend um neue, ganzheitliche Ansätze ergänzt. Dabei gibt es weiterhin großes Potenzial für weitere Forschung. Die Tagung in Pforzheim wurde von Marina Haug, Heidi Hottenroth, Prof. Dr. Tobias Viere (alle INEC) und Dr. Vanessa Zeller (Fraunhofer IWKS und TU Darmstadt) organisiert und geleitet. Die 21. Ökobilanzwerkstatt findet im Herbst 2026 an der Universität Kassel statt.

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