Zwischen Bildschirm und Stoff: Martina Tiefenthaler über die Grenzen des Digitalen

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In der Reihe „Artefakte“ spricht die Designerin über Kreativität, Handwerk und Technologie
Porträt von Martina Tiefenthaler

Foto: Winter Vandenbrink

Wieviel Handwerk braucht Kreativität? Können wir analoge Objekte tatsächlich digital gestalten? Und welche Rolle spielen persönliche Erfahrung und Wissen in gestalterischen Prozessen? Im Rahmen der Vortragsreihe „Artefakte“ war Martina Tiefenthaler am 27. April 2026 zu Gast an der Fakultät für Gestaltung. Im Gespräch mit Simone Sommer gibt die Designerin und ehemalige Chief Creative Officer von Balenciaga persönliche Einblicke in die Modeindustrie.

International und multidisziplinär

Martina Tiefenthaler gehört zu den prägenden Kreativen der internationalen Modebranche der vergangenen Jahre. Die in Österreich geborene Designerin ist multidisziplinär ausgebildet: Nach einem kurzen Abstecher in Architektur in Innsbruck, machte sie eine Ausbildung zur Kommunikationsdesignerin in München und studierte schließlich Modedesign an der Universität für angewandte Kunst Wien.

Ihre Vita listet einige der einflussreichsten Modehäuser, darunter Maison Martin Margiela, Louis Vuitton, Vetements und Balenciaga. Besonders ihre Zeit bei Balenciaga, wo sie als Chief Creative Officer über ein Jahrzehnt hinweg die visuelle Ausrichtung der Marke mitgestaltete, bildet einen zentralen Referenzpunkt ihres Schaffens. Heute arbeitet Tiefenthaler als Creative Consultant und Coach. Sie berät Marken in Design, Kollektionsentwicklung, Strategie und Image. Als Coach unterstützt sie Kreativschaffende aus diversen Disziplinen bei Problemfragen und beruflicher Entwicklung.

Erste Jobs zwischen Erwartung und Realität

Nach ihrem Studium führte sie ein Praktikum, aus dem dann ein Job wurde, zu Maison Martin Margiela nach Paris, in ein Umfeld, das von kleinen Teams geprägt war. So erhielt sie Einblick in sämtliche Schritte der Kollektionsgestaltung und arbeitete an unterschiedlichsten Aufgaben von Mock-ups bis hin zu Kollektionskonzepten, Show und Look Book-Gestaltung. Rückblickend beschreibt sie diese Zeit als eine Art „verlängertes Studium“, in dem sich theoretisches Wissen und praktische Erfahrung eng verzahnten.

Gleichzeitig konfrontierte sie dieser Einstieg mit den realen Bedingungen der Branche: „Das war noch vor der Einführung eines Mindestlohns bei Praktika. Ich hatte kein Geld, und in meinem Apartment gab es Mäuse“, erzählt sie. Hinzu kamen sprachliche Hürden, denn allein mit Englisch kam man in Paris damals nicht sehr weit.

Eine andere Seite der Modeindustrie erlebte sie nach einem Wechsel zu Louis Vuitton: „Die einzige Gemeinsamkeit mit Margiela war, dass es ein Atelier gab und wir Kleidung entworfen haben.“ Louis Vuitton war stark strukturiert, global organisiert und alle Räumlichkeiten waren gebrandet, erinnert sich Tiefenthaler. „Ich fühlte mich fehl am Platz“, gibt sie zu, doch gerade diese Erfahrungen seien prägend gewesen. Situationen, die nicht passen, seien oft die lehrreichsten, weil sie dazu zwingen, die eigene Position zu klären.

Kreativität unter Druck

Mit ihrer Rolle als Chief Creative Officer bei Balenciaga veränderte sich ihr Arbeitsalltag erneut. Sie verantwortete die visuelle Ausrichtung der Marke – und 120 Mitarbeiter:innen. Damit verschob sich die Gewichtung von kreativer Freiheit und Administration. „Bin ich kreativ genug, oder muss ich abarbeiten?“ So beschreibt Tiefenthaler einen für sie grundlegenden Konflikt im Designberuf, der in leitenden Positionen besonders deutlich wird.

Anhand ausgewählter Fashion Shows aus ihrer Zeit bei Balenciaga veranschaulicht Tiefenthaler, wie sich Modenschauen in den vergangenen Jahren verändert haben und erzählt, welche Erkenntnisse sie selbst daraus gezogen hat. Ihre Lieblingsshow, Fall Ready-to-Wear 2020, ließ Models scheinbar über Wasser laufen – unter einer LED-Decke die sich im Wasser reflektierte. Mit dem kurz darauffolgenden Covid-Lockdown wirkte diese Show im Nachhinein „apokalyptisch“. Für Tiefenthaler ein Beispiel dafür, wie sehr sich die Bedeutung von Gestaltung je nach Kontext verschieben kann.

Ein weiteres Beispiel für Digitalität bei Fashion Shows: Die Ready-to-Wear-Kollektion Fall 2021, die vollständig digital präsentiert wurde. Als interaktives Online-Game umgesetzt, sei es nicht nur technisch anspruchsvoll gewesen, sondern habe auch neue Formen der Inszenierung eröffnet. Der Druck, immer wieder neue Formate zu entwickeln und bestehende Systeme infrage zu stellen, sei dabei ein konstanter Begleiter.

Rückkehr zum Analogen: Handwerk als Grundlage

Gleichzeitig betont Tiefenthaler die Bedeutung des Analogen. Besonders der Relaunch der Balenciaga-Couture 2021 sei für sie ein Wendepunkt gewesen: kleine Teams, neue Ateliers, intensives Arbeiten mit Materialien. „Ich war durstig danach, mich nebst kommerzieller Produkte wieder intensiver mit der Gestaltung von Mode auseinanderzusetzen“, verrät sie. Lange Fitting-Tage mit einem großen Team wurden eingerichtet. „Wenn ich eine engere Waistline entwerfen möchte, will ich das Model fragen können, ob es noch atmen kann.“ Denn genau hier sieht sie die Grenzen der Technologie: Wenn digitale Entwürfe nicht in handwerkliche Realität übersetzt werden können, wie sie es im Atelier schon häufig erlebt hat.

Im persönlichen Umgang mit Technologie hat sie Konsequenzen gezogen. Nachdem sie lange nahezu ausschließlich über ihr Smartphone gearbeitet hatte, begann sie bewusst, ihre Handynutzung einzuschränken. Was sich geändert hat? „Ich kann viel besser aufnehmen. Um kreieren zu können, muss ich wach sein!“ Geht es um Künstliche Intelligenz, geht sie noch einen Schritt weiter und meidet ihren Einsatz bewusst. „Für mich ist es ein Experiment: Wie weit komme ich ohne KI?“

Der Abend machte deutlich, dass sich Gestaltung und Kreativität heute in einem Spannungsfeld zwischen digitaler Beschleunigung und physischer Praxis bewegt. Tiefenthalers Perspektive eröffnet dabei einen differenzierten Blick: Entscheidend ist, wie bewusst man Digitalität einsetzt und welchen Raum man dem Analogen weiterhin gibt.