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Der digitale Produktpass als Instrument in Politik und Wirtschaft – ein Ausblick

Foto: A. Vogt

Am 19. Mai stellte Dr. Holger Berg in der Ringvorlesung Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit das aktuelle Konzept des digitalen Produktpasses sowie den politischen Rahmen von EU und Bundesregierung vor. Er zeigte auf, wie der Produktpass funktionieren kann und in welchen Branchen er zunächst sehr wahrscheinlich Anwendung finden wird. Dr. Holger Berg ist Leiter des Forschungsbereichs Digitale Transformation und stellvertretender Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH.  

Der digitale Produktpass aus Sicht von Politik, Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Wirtschaft

Derzeit wird der digitale Produktpass stark von der Politik und insbesondere der EU-Kommission getrieben. Dabei sind der European Green Deal, das Circular Economy Action Package und die Sustainable Product Initiative als Haupttreiber zu nennen. Aber auch der Koalitionsvertrag der Bundesregierung enthält eine Roadmap für den digitalen Produktpass. Ebenso kann der Produktpass nützlich bei der Umsetzung des Lieferkettengesetzes und für die nachhaltige Beschaffung (Green Procurement) des Staates sein. Die Frage ist daher nicht mehr, ob der Produktpass kommt, sondern wann er kommt, wie er aussehen wird und wer ihn benötigt. Erste detaillierte Angaben hierzu finden sich im Proposal for Ecodesign for Sustainable Products Regulation der EU vom März 2022. Ein interessanter Aspekt laut Dr. Berg sind die darin enthaltenden Ausführungen zu den sog. „substances of concern“. Dabei handelt es sich nicht, wie man vermuten könnte, um für Menschen und Umwelt gefährliche Stoffe, sondern um Materialien, die die Kreislauffähigkeit von Produkten gefährden. Ein Produkt, das solche Materialien enthält, wird laut des Vorschlags der EU-Kommission zukünftig einen Produktpass benötigen. Als erste Produktgruppe soll der Produktpass für Batterien kommen, gefolgt von Textilien, chemischen Erzeugnissen und Elektrogeräten.

Dr. Berg sieht im digitalen Produktpass eine große Chance Kreislaufwirtschaft zu ermöglichen, mehr über Nachhaltigkeitsmanagement zu lernen, bestehende Designs von Produkten zu verbessern, aber auch die soziale Nachhaltigkeit voranzubringen. Darüber hinaus könnte der Produktpass zum „single point of truth“ werden und die vielen Datenbanken und Informationssysteme, die von Unternehmen gepflegt werden müssen, obsolet machen.

In der Wirtschaft wird der Produktpass u.a. vom Großkundendruck in den Lieferketten und dem geforderten CO2-Reporting der Scope 3 Emissionen getrieben. Darüber hinaus lässt sich ein wachsender Investorendruck beobachten, so misst sich der finanzielle Wert eines Unternehmens inzwischen auch an seinen Beiträgen zu einer nachhaltigen Entwicklung. Aufgrund der aktuellen Krisen kommt zudem ein Marktsog für mehr Kreislaufwirtschaft hinzu, der aus dem ureigenen Interesse von Unternehmen folgt, eine sichere Versorgung mit Materialien zu gewährleisten.

Im Bereich Digitalisierung stellt sich vor allem die Frage, wie die Daten, die im Produktpass gesammelt und bereitgestellt werden, bearbeitet und genutzt werden können, um neues Wissen und Handlungsoptionen zu generieren.

Digitaler Produktpass – Standortbestimmung

Im letzten Teil seines Vortrags thematisierte Dr. Berg die aktuell noch offenen Fragen rund um den Produktpass. Eine Frage hierbei ist, ob es gelingen kann, dass der Produktpass kaskadiert, d. h., sich von Materialien über Komponenten bis hin zu fertigen Produkten zusammensetzt und dann im Zuge des Recyclings wiederum in mehrere Produktpässe aufgespalten wird gemäß der durch Recycling entstandenen Teilkomponenten und -werkstoffe. Eng damit verbunden ist die Frage, wann das Leben eines Produktpasses endet. Weitere offene Punkte betreffen den Schutz von Unternehmens-Know-how und die Integration von Daten, die außerhalb der EU entstehen, da Wertschöpfungsketten nicht auf die EU beschränkt sind.

Dr. Berg schloss seinen Vortrag mit dem Resümee, dass der digitale Produktpass sicher eine notwendige Bedingung für die Kreislaufwirtschaft ist, jedoch keine hinreichende.

 

Die Ringvorlesung geht am 2. Juni um 17:15 Uhr mit dem Vortrag „Grundsätze digitaler Produktpässe – Herausforderung für Industrie, Handel und Behörden“ von Tim Bartram von der GS1 Global Germany GmbH weiter.