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Auf einen Kaffee mit Prof. Dr. Frank Bertagnolli

 

 

Es ist ein sonniger Dienstag, 08:45 Uhr, als Prof. Dr. Frank Bertagnolli zum Interview in das Büro des Weiterbildungsteams kommt. Er ist – wie meist – fröhlich und bestellt auf die Frage, ob er etwas trinken möchte, einen Tee. Nachdem er seinen Orange-Ingwer-Spicy-Tee vor sich hat, kann das Interview beginnen.

Julia Budei: Schön, dass Du da bist und vielen Dank, dass Du Dir heute Zeit genommen hast! Anstelle „Auf einen Kaffee mit…“ muss es bei Dir allerdings…

Frank Bertagnolli: „Auf einen Tee mit“ heißen. Ich bin nicht so der Kaffee-Trinker.

Budei: Dann: „Auf einen Tee mit Frank Bertagnolli“. Lass uns direkt ins Thema einsteigen: Beschreibe Dich bitte kurz in drei Worten.

Bertagnolli: In drei Worten? Ich würde sagen: standardisiert, lean und wissenschaftlich.

Budei: Ungewöhnlich! Das zeigt ja, dass Du dich ganz intensiv mit Deinen Forschungsgebieten identifizierst?

Bertagnolli: Ja, ich lebe „Lean“ auch im privaten.

Budei: Wie zeigt sich das genau?

Bertagnolli: Nun ja, zum Beispiel dass die Spülmaschine anders eingeräumt wird, damit sie leichter ausgeräumt werden kann, dass bei uns die Tupper-Schublade aufgeräumt ist und die Deckel nach Größe sortiert sind, aber auch dass immer genug Zahncreme im Haus ist. Und damit meine ich nicht Überbestand, sondern immer genau eine Tube in Reserve, die dann nachbestellt wird, wenn sie leer geht. Ich glaube, man kann das Leben ganz gut verschwendungsfrei und einfach organisieren und da gehören Standards und Lean einfach dazu. Und ja: Die Themen bringe ich in die Wissenschaft ein, wobei das bei so simplen Themen nicht ganz einfach ist.

Budei: Was sagt denn Deine Frau dazu?

Bertagnolli: (lacht) Sie ist – Gott sei Dank – auch sehr ordentlich und auch perfektionistisch veranlagt, von daher gibt es keinen Streit diesbezüglich. Wir sehen beide die Vorteile darin. Die Kinder kriegen das dann auch schon ordentlich ab. Nein, wir haben ein sehr ordentliches und sauberes zu Hause, das passt sehr gut. Naja, sie hat mich ja auch geheiratet. Sie weiß das und kann sehr gut mit mir leben.

Budei: Sie wusste also schon vorher Bescheid?

Bertagnolli: Jaja natürlich – und ich auch von ihr.

Budei: Ist denn Dein Arbeitstag auch lean aufgebaut?

Bertagnolli: Ich hab einige Themen aus dem Shopfloor Management – also, wie man sich organisiert und selbst führt sozusagen – durchaus übernommen. Ich habe viele standardisierte Ablagen und transparente Unterlagen und steuere mich selbst auch ein bisschen nach Kennzahlen. Also ja, es geht auch in den Alltag über.

Budei: Auch in die Freizeit?

Bertagnolli: Ja, auch ein bisschen in die Freizeit. Da bin ich auch strukturiert und aufgeräumt.

Budei: Das heißt, ein perfektes Wochenende sieht für Dich wie aus?

Bertagnolli: Ein perfektes Wochenende ist nicht nur lean und schlank. Ein perfektes Wochenende, da gehört mit Sicherheit auch ein bisschen ausruhen und faulenzen, etwas mit der Familie unternehmen und gemütlich essen dazu, aber es gehört bzw. gehörte bis vor kurzem auch ein Buch schreiben dazu. Es ist also eine Mischung aus allem.

Budei: Also wird an einem perfekten Wochenende auch ein bisschen gearbeitet?

Bertagnolli: Ein bisschen, ja. Wenn der Job zum Hobby wird oder das Hobby zum Beruf, dann gehört das dazu.

Budei: Nimmst Du die Arbeit dann auch mit in den Urlaub?

Bertagnolli: Also einen Laptop habe ich meist dann doch dabei, um auf dem Laufenden zu bleiben. Das Schöne ist, wenn wir Urlaub haben, dann wird es auch an der Hochschule etwas ruhiger. Ich korrigiere die Klausuren gleich am Anfang des Urlaubs, damit das weg ist und habe dann auch meine Erholung und Entspannung.

Budei: Es geht dann im Urlaub doch sicher auch mal weg, in die weite Welt hinaus. Gibt es irgendein Land, das Du unbedingt einmal bereisen möchtest?

Bertagnolli: Ich würde das jetzt tatsächlich nicht am Land festmachen, sondern eher an Phänomenen. Ich würde zum Beispiel gerne einmal das Polarlicht live sehen. Das heißt also Richtung Skandinavien reisen und auch wenn nochmals eine Sonnenfinsternis zu sehen wäre, in einem Land, das gut erreichbar ist, dann würde ich auch dort gerne hinreisen.

Budei: Also ziehen Dich nicht Land und Kultur, sondern Natur und Naturphänomene an?

Bertagnolli: Ja, für Astronomie und solche Dinge habe ich auch Interesse.

Budei: Wow, die Wissenschaft zieht sich bei Dir definitiv durch alle Lebensbereiche! Dementsprechend würdest Du auf eine einsame Insel wahrscheinlich auch einen Laptop mitnehmen, oder?

Bertagnolli: Ja, ich glaube ich würde als Erstes die Familie mitnehmen und als nächstes irgendetwas, mit dem ich Kontakt zur Außenwelt haben kann. Einen internetfähigen Laptop für die Kommunikation und auch zum Lesen zum Beispiel.

Budei: Liest Du denn dann nur Fachbücher oder auch mal etwas ganz anderes?

Bertagnolli: Ich bin im Moment tatsächlich eher der Fachbücher-Leser. Wenn ich mal was anderes lese, dann sind es meist Wirtschaftsromane. Mhm… aber dann haben wir ja auch wieder die Industrie und die Unternehmen drin. Naja, so ganz Fantasy ist dann doch nicht meins. Wobei „Oh wie schön ist Panama“, das lese ich dann meinen Kindern vor.

Budei: Okay, es gibt dann also keinen Frank Bertagnolli, der heimlich irgendwelche Schnulzenromane oder Ähnliches liest.

Bertagnolli: (lacht) Nein, den gibt’s nicht.

Budei: Gibt es denn irgendeine bekannte historische Persönlichkeit oder einen Promi aus der Jetztzeit, die bzw. den Du gerne einmal treffen möchtest?

Bertagnolli: Wenn man die Chance hätte, nochmal zurückzugehen, dann würden mich die Ägypter interessieren. Wie sind sie zu den Bauwerken gekommen? Über alles, was man heute diesbezüglich nichts weiß, würde ich gerne mit ihnen reden. Und wenn‘s konkret eine Person wäre – das ist gar nicht so lange her – dann würde ich gerne mit Taichi Ohno sprechen und mich mit ihm austauschen. Er, als der Begründer des Toyota Produktionssystems, wäre in meiner Fachrichtung jemand, den ich gerne interviewen würde, um die Hintergründe verschiedener Lean-Thematiken zu beleuchten, welche man aus Büchern oder Erzählungen so nicht mitbekommt, also vor allem kulturelle Aspekte.

Budei: Hattest Du denn schon in der Grundschule den Wunsch später irgendwas mit Wirtschaft zu machen? Oder hast Du sogar schon damals angefangen, Dein Leben lean zu gestalten?

Bertagnolli: Nein. Mein Leben war in der Grundschule nicht lean. Das kam später, zusammen mit der Entscheidung fürs Studium. Was ich werden wollte? Eigentlich Polizist. Wobei… so weit weg sind wir davon heute ja gar nicht (er schmunzelt). Ich sorge für Ordnung, bin Beamter … aber ich glaube, das war schon damals eine Motivation, für Recht und Ordnung zu sorgen. Der Wunsch ging damals auch eher in Richtung Verkehrspolizist und weniger in Richtung Kriminologie. Daher achte ich auch heute noch auf die Einhaltung von Regeln, beurteile und manchmal fällt halt auch jemand durch, leider.

Budei: Auch das kommt eben vor. Ab wann hast Du dich denn ganz bewusst entschieden, was du machen möchtest? Gab es diesen „Aha“-Moment, in dem Du dachtest „Genau da will ich hin“?

Bertagnolli: Das kam mit dem Studium und eigentlich mit dem Vorpraktikum. Da wusste ich: Das will ich. Die produzierende Industrie, das passt zu mir als Wirtschaftsingenieur. Ich bin dann den Weg gegangen und dachte auch, dass ich den für immer gehe. Aber wie das Leben so ist, kommen dann Kreuzungen, bei denen man dann abbiegt. Deswegen bin ich heute an der Hochschule und freue mich, hier zu sein und es macht mir sehr viel Freude und Spaß.

Budei: Gut zu hören! Jetzt hast Du eben Dein Studium erwähnt. Was hättest Du dir im Studium denn von Deinen Professoren gewünscht? Was hätten Sie anders machen sollen?

Bertagnolli: Also ich war an der Uni, wo ein Thema war: Ober sticht unter. Das ist etwas, was ich so nicht lebe. Für mich ist es ganz wichtig – und das versuche ich auch tagtäglich umzusetzen – mit den Studierenden auf Augenhöhe zu sein. Auch ich lerne hier jeden Tag neues, denn ich begebe mich in die Lernhaltung. Mit jeder Frage, die kommt, lerne ich auch wieder etwas und das hat mir damals gefehlt. Dass die Professoren immer Recht haben mussten und sich auch über Studierende stellen, das ist nicht meins. Und das versuche ich auch in die Hochschulkultur einzubringen.

Budei: Ist das auch etwas, was Du Deinen Studierenden mitgeben möchtest? Augenhöhe?

Bertagnolli: Nein, das ist eher so eine Sache, wie ich ihnen begegne und wie ich hoffe, dass sie auch mir begegnen. Das klappt auch sehr gut! Mitgeben möchte ich Ihnen etwas aus dem Thema Change Management, das ich auch mit den Studierenden immer wieder bearbeite: Dass Sie sich selbst reflektieren und dass sie mehr und mehr selbst Lösungen suchen und finden. Dass sie sich mit kulturellen Aspekten im Fokus der Veränderung beschäftigen. Jeder muss heute in der Lage sein, über sich selbst am besten Bescheid zu wissen. Und wer sich selbst gut führen kann, der kann auch später Dinge optimieren, andere führen und damit die Welt verändern. Es ist mir ein großes Anliegen, das mitzugeben.

Budei: Wenn sich die Studierenden in fünf oder sechs Jahren an Dich zurück erinnern, was sollen sie dann denken? An was sollen sie sich erinnern?

Bertagnolli: Also alleine, wenn sie sich in gewissen Situationen an mich erinnern, wäre toll. Dass sie in bestimmten Situationen sagen: „Oh stimmt, das habe ich beim Bertagnolli gehört.“ Und ich hätte auch nichts dagegen, wenn mal ein Anruf oder eine Mail kommt, und sie sagen: „Es stimmt, was Sie da gesagt haben“ oder „Das, was Sie mir beigebracht habe, hat geklappt“. Das wäre für mich toll als „Danke“ sozusagen. Es geht nicht darum, an was, sondern darum, das sie sich erinnern und denken: „Das habe ich jetzt auch selbst erlebt. Jetzt brauche ich das, was ich gelernt habe.“ Und da möchte ich die Studierenden auch hinbringen. Und da ist es auch egal, welches Fach: Ob Statistik, Lean oder Change, oder was wir sonst noch für Themen an der Hochschule haben. Ich möchte, dass sie irgendwann sagen: „Die Profs haben uns was fürs Leben mitgegeben.“

Prof. Dr. Frank Bertagnolli lehrt im Weiterbildungsprogramm Innovationsmanagement die Module Change Management und Lean Production. Und er hat immer genau eine Extra-Tube Zahnpasta zu Hause.