Was ist nachhaltiger Schmuck? Gibt es ihn überhaupt?
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Prof. Roukaya Issaoui-Domnik mit Referent Dr. Philipp Reisert von der Firma C.Hafner (Foto: Mario Schmidt).
Was ist nachhaltiger Schmuck? Gibt es ihn überhaupt? Diesen Fragen widmete sich diesmal das Symposium Nachhaltigkeit an der Hochschule Pforzheim und traf damit auf großes Interesse in der Goldstadt Pforzheim. Geladen waren hochkarätige Referenten aus der Gold- und Schmuckbranche, und gekommen waren neben zahlreichen Studierenden auch viele Goldschmiede und Juweliere aus der Region.
Eingeladen hatte die neue Professorin Roukaya Issaoui-Domnik vom Institut für Industrial Ecology, die seit vergangenem Jahr die Carl-Zeiss-Stiftungsprofessur für nachhaltige Ressourceneffizienz bekleidet. Sie fragte eingangs: „Kann ein Ring die Welt retten?“ und betonte, dass Luxus eben auch in der Langlebigkeit bestehe und die Nachhaltigkeit eine Chance für die Schmuckbranche biete, wenn sie richtig und ehrlich umgesetzt wird.
Einig waren sich alle geladenen Gäste, dass die Gewinnung von Edelmetallen und Edelsteinen oft mit großen Umweltbelastungen und sozialen Missständen einhergeht. Aber es gibt Alternativen, z.B. Recyclinggold, „lab grown“ Edelsteine – also im Labor gewonnen – oder Edelmetalle aus ökologisch und sozial handelnden Minenkooperativen.
York Tetzlaff von der Fachvereinigung Edelmetalle schilderte die zahlreichen Bemühungen der Branche, ökologische und soziale Standards bei der Edelmetallproduktion einzuführen. Deutschland sei ein regelrechter Recycling-Hub im Gegensatz zu vielen anderen Ländern wie etwa der Schweiz oder Dubai, wo Gold aus allen möglichen und auch dubiosen Quellen angenommen und verarbeitet werde. Dr. Philipp Reisert von der Scheideanstalt C.Hafner beschrieb eindrücklich, wie positiv die Ökobilanz von recyceltem Gold gegenüber primärem Gold aus Minen ausfällt: 30 Kilogramm Kohlendioxidemissionen pro Kilogramm Gold gegenüber einem Wert von 30 Tonnen aus Minen, also dem Tausendfachen. Von klimaneutralem Gold sei man aber abgekommen, da dazu eine Geldkompensation der Restemissionen erforderlich sei und diese inzwischen sehr umstritten ist.
Doch wie offensiv vermarktet man die Nachhaltigkeit? Der bekannte Juwelier Georg Leicht fragte, ob das Thema Nachhaltigkeit „auserzählt“ sei. Für ihn sei Nachhaltigkeit oft ein Störfaktor beim Verkaufsgespräch, vor allem, wenn es um einen hochemotionalen und positiven Moment im Leben eines Kunden gehe, z.B. wenn ein Ehering gekauft wird. Jan Spille aus Hamburg, Schmuckhändler mit einem expliziten Nachhaltigkeitsanspruch, widersprach und will die Nachhaltigkeit offen und positiv vermitteln, nämlich dass im Ring z.B. keine Kinderarbeit steckt. Aber klar, es gibt verschiedene Kundengruppen, und manche interessieren sich überhaupt nicht für die sozialen Bedingungen oder die Umweltprobleme. „Menschen sind wie sie sind“, meinte Georg Leicht. Doch Schmuckhändlerin und Nachhaltigkeitsaktivistin Guya Merkle betonte, dass Menschlichkeit wie ein Muskel trainiert werden könne. Deshalb müsse man aufklären und das System der Schmuckbranche von innen heraus ändern.
„Wäre es nicht am nachhaltigsten, einfach gar keinen Schmuck zu kaufen?“, fragte Schmuckprofessor Andreas Gut, um dann selbst die Antwort zu liefern, dass Menschen schon immer das Bedürfnis gehabt hätten, sich und Dinge zu schmücken. Das belegte er mit prähistorischen Artefakten. In der Podiumsdiskussion fragte Luxusprofessor Fernando Fastoso, ob Luxus und Nachhaltigkeit überhaupt zusammengehen und stellte damit die Eingangsthese der Veranstaltung in Frage.
Auch Guya Merkle, die aus einer alten Pforzheimer Schmuckfamilie stammt, spricht nicht gerne von nachhaltigem Schmuck, auch wenn es inzwischen viele gute Beispiele gebe. Doch: „Ich sehe immer nur die Gleichen aus unserer Bubble. Wo sind eigentlich die anderen Schmuckhersteller?“ Sie plädiert dafür, die Rohstofflieferanten aus anderen Ländern als Partner zu verstehen, mit denen man gemeinsam sinnvolle Projekte machen kann und Wertschöpfung auch in deren Länder holt. Ganz nebenbei warb sie für ihr neues Buch „Wie viele Leben kostet ein Karat?“ (erscheint im September). So ging eine spannende Veranstaltung zu Ende, die ein breites Spektrum an Fakten und Meinungen lieferte und zu vielen Denkanstöße anregte.


