Warum Europa ein neues Betriebsmodell für seine Rohstoffversorgung braucht
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Foto: Cornelia Kamper / Hochschule Pforzheim
Professor Mario Schmidt, Leiter des Instituts für Industrial Ecology (INEC) an der Hochschule Pforzheim, fordert einen grundlegenden Kurswechsel in der europäischen Rohstoffpolitik. In einem Beitrag der Hochschule spricht er sich für ein stärkeres Engagement des Staates aus. „Wir müssen uns davon verabschieden, dass der Markt es immer richtet und überall die ökonomischen Gesetze Priorität haben“, sagt Schmidt. Angesichts geopolitischer Risiken müsse der Staat Vorsorge treffen und in Krisensituationen in eine Art „Krisenbetrieb“ umschalten können.
Schmidt sieht das zentrale Problem der europäischen Rohstoffpolitik dabei weniger in fehlenden Problemdiagnosen als in einem Ordnungsproblem. Über Jahrzehnte sei die Wirtschaft auf einen Normalzustand optimiert worden, in dem internationale Märkte offen, Lieferbeziehungen weitgehend verlässlich und staatliche Eingriffe die Ausnahme seien. Dieses Modell habe Wohlstand und Effizienz ermöglicht. Gleichzeitig habe es jedoch dazu geführt, dass Redundanzen, strategische Lager, Reservekapazitäten und Reaktionsfähigkeit zu wenig berücksichtigt wurden. Gerade dann würden diese Defizite sichtbar, wenn wirtschaftliche Abhängigkeiten zu geopolitischen Instrumenten werden.
Bei kritischen Rohstoffen reiche es deshalb nicht aus, Märkte besser zu informieren oder Unternehmen zu mehr Vorsorge anzuhalten. Auch die aktuellen Maßnahmen der EU, darunter der Critical Raw Materials Act, greifen nach Einschätzung Schmidts zu kurz. Notwendig sei vielmehr ein vorab definiertes Betriebsmodell, das je nach Lage unterschiedliche Rollen für Staat und Wirtschaft vorsieht.
Schmidt unterscheidet dabei drei Stufen: Normalbetrieb, Vorsorgebetrieb und Krisenbetrieb. Mit zunehmender Krisenlage müsse sich auch die Aufgabenverteilung zwischen Wirtschaft und Staat verändern. Während im Normalbetrieb Effizienz und Wettbewerb im Vordergrund stehen könnten, müsse in einer Krise die Resilienz der gesamten Volkswirtschaft Priorität erhalten. „Zur rechten Zeit muss das Primat der Politik herrschen“, betont Schmidt. Dann müssten Wettbewerb, Effizienz und Kostenaspekte hinter der Sicherung der Versorgung zurückstehen.
Der Beitrag der Hochschule Pforzheim Nr. 191 kann hier heruntergeladen werden.
Prof. Dr. Mario Schmidt ist scheidender Direktor des Instituts für Industrial Ecology (INEC) der Hochschule Pforzheim. Der Physiker und Umweltwissenschaftler befasst sich seit vielen Jahren mit dem Problem der Ressourcenknappheit und der Umweltbelastungen durch die Rohstoffgewinnung.