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Studium Generale

Professor Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Töpfer.

Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer fesselt die Zuhörer
Der Mensch ist es, der seit Beginn der industriellen Revolution wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung unserer Erde ausübt. Das machte der ehemalige Bundesumweltminister Professor Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Töpfer am Mittwoch, 6. Juni, beim Studium Generale an der Hochschule Pforzheim deutlich. Mehr als 400 Zuhörer im restlos besetzten Walter-Witzenmann-Hörsaal (Audimax) der Hochschule lauschten gespannt Töpfers Vortrag „Das Anthropozän: Konsequenzen für Wissenschaft, Gesellschaft und Politik“. Der Vortrag des ehemaligen Exekutivdirektors des Umweltprogramms der Vereinten Nationen bildete den festlichen Abschluss des Nachhaltigkeitstags an der Hochschule Pforzheim. Der Stakeholder-Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zum Thema Nachhaltigkeit ist besonderes Kennzeichen des strategischen Perspektivenwechsels an der Hochschule Pforzheim. Der Nachhaltigkeitstag Pforzheim bildete den Auftakt der diesjährigen Nachhaltigkeitstagen Baden-Württemberg.

Das menschliche Wirken habe alle Bereiche der Erde verändert: die Biologie, die Geologie und das Klima. Die Folgen für die Umwelt seien drastisch, so Töpfer. Mit dem Begriff „Anthropozän“ ist die Vorstellung verbunden, dass wir in einem geologischen Zeitalter leben, das ganz entscheidend durch die Eingriffe des Menschen in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde bestimmt ist. „Die Auswirkungen werden noch in 100.000 bis 300.000 Jahren zu spüren sein“, gibt Töpfer zu bedenken.

An verschiedenen Beispielen verdeutlichte er dem Publikum, wie negativ diese Folgen sein werden. Problematisch ist seinen Ausführungen zufolge bereits die Gegenwart. Töpfer weiß wovon er spricht. Aktuell leitet er eine Arbeitsgruppe, die die Suche nach dem Atommüll-Endlager für Deutschland begleitet. Mit in dieser Kommission sitzt Dr. Hendrik Lambrecht, Professor für Industrial Ecology und Quantitative Methoden an der Hochschule Pforzheim. Er war es, der Klaus Töpfer fürs Studium Generale gewinnen konnte, wofür ihm Organisatorin Professorin Dr. Christa Wehner in ihrer Begrüßung ausdrücklich dankte.

„Passenderweise war gestern der Weltumwelttag“, führte Töpfer ein. Die Entwicklung globaler Prozesse hänge eng mit der Art und Weise, wie die entwickelten Staaten ihren Wohlstand erwirtschaftet hätten. Er verdeutlichte dies mit dem Vergleich des jährlichen Pro-Kopf-Bruttosozialprodukts, wenn man von auf der Landkarte von Norwegen mit knapp 80.000 Euro über Deutschland mit knapp 50.000 Euro und Südosteuropa mit unter 30.000 Euro bei Staaten südlich der Sahara und einem Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt von rund 1000 Euro pro Jahr ankommt. „Wenn man das sieht, denkt man doch: Das kann so nicht weitergehen. Gleichzeitig wachsen diese Gesellschaften. Also muss man was tun. Ich warne aber jeden davor, mit dem Gedanken zu spielen, Mauern zu bauen“, beschrieb Töpfer das globale Ausmaß des Arm-Reich-Gegensatzes. „Wenn reiche Länder über ihren Wohlstand hinaus Überschüsse erzeugen, sagt einem der gesunde Menschenverstand, dass jemand anderes da sein muss, der Defizite aufweist“, sagte Töpfer.

Er führte die Enzyklika „Laudato Si“ an, worin der Papst nicht anklage, sondern Zusammenhänge nachweise. „Er sagt deutlich, dass der Mensch nicht Herrscher über die Natur, sondern Teil der Natur ist. Er ist Teil der Schöpfung. Deshalb finde ich es nicht gut, wenn der Mensch sich zum Schöpfer emporschwingt. Das geht schief. Die schmerzliche Erfahrung haben wir bei der Katastrophe von Fukushima machen müssen“, so Töpfer. 

Dem Publikum, das Töpfers Worten mal mit ernster Miene, mal mit einem amüsierten Lachen folgte, rief der Umweltpolitiker zu, er wolle nicht nur der mahnende Pessimist sein. „Wir haben, gerade in Deutschland, auch umweltpolitische Erfolge zu verzeichnen. Erinnern sie sich noch an den Grünen Punkt? Er steht quasi vor ihnen“, leitete Töpfer mit Augenzwinkern den optimistischeren Teil seiner Analyse ein. In Deutschland stehe immerhin die Wiege der Nachhaltigkeit. Der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) veröffentlichte 1713 bereits die „Sylvicultura Oeconomica“. Sie ist das erste eigenständige Werk über die Forstwirtschaft, erstellt aufgrund der damals grassierenden Holzknappheit des Waldbaus, und erwähnt in diesem Zusammenhang zum ersten Mal den Wortstamm der „Nachhaltigkeit“. „Von Carlowitz erkannte schon damals die Bedeutung von Nachhaltigkeit und dass hier generationenübergreifend gehandelt werden muss. Es ist ja auch viel Positives geschehen. In Sachen Kunststoffwiederverwertung steht Deutschland weltweit sehr gut da“, so Töpfer. Der Schlüssel sei aber von vornherein Verpackungen zu vermeiden.

Zum Abschied bedankte er sich bei den Gästen und rief ihnen zu: „Ich hoffe, ich habe sie nicht zu pessimistisch hinterlassen. Ich wurde in einem Interview vorhin gefragt, ob ich Optimist oder Pessimist sei. Wissen Sie, habe ich geantwortet, ich bin jetzt 80 Jahre alt, habe drei Kinder und vier Enkelkinder. Wie kann ich ein Pessimist sein? Ich wünsche mir, dass sie neugierig nach Hause gehen und sich fragen: Ist das denn so, wie der Töpfer erzählt hat? Dann hat es sich schon gelohnt.“

Das Studium Generale setzt sein Programm im Wintersemester 2018/19 fort. Der nächste Vortrag „Nachhaltigkeit: Was die Energiewende mit dem guten Leben zu tun hat“ findet am Mittwoch, 17. Oktober 2018, statt. Referentin ist Frau Professor Dr. Dr. Rafaela Hillerbrand vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Vor seinem Vortrag blätterte Professor Dr. Dr. h.c. mult. Klaus Töpfer mit Professor Dr. Mario Schmidt (l.), Rektor Professor Dr. Ulrich Jautz (2. V.l.) sowie Professor Dr. Hendrik Lambrecht (r.) noch in der „Sylvicultura Oeconomica“ von Hans Carl von Carlowitz. Von Carlowitz´ Ideen stellte er dem Publikum später vor.