Für Krisenzeiten vorsorgen – wir müssen kritische Rohstoffe einlagern!
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Seit jeher bemühen sich die Menschen um Versorgungssicherheit. Wir können das im Alten Testament der Bibel nachlesen: In guten Zeiten legte der Staat Vorräte an, um sie in schlechten Zeiten effektiv bereitzustellen. Was damals für den Kornspeicher des Pharaos galt, müsste heute dringend für kritische und strategische Rohstoffe überlegt werden: für Seltene Erden, Kobalt oder Lithium – Stoffe, die für unsere produzierende Industrie unverzichtbar sind. Doch was tut sich aktuell in Deutschland und Europa? Viel zu wenig!
Die Europäische Union identifiziert insgesamt 34 kritische Rohstoffe, die meisten sind Metalle. Sie stecken in Gebrauchselektronik, in Autos und Industrieanlagen, in medizinischen Geräten und in Rüstungsgütern. Ohne sie würde unser Gemeinwesen nicht mehr funktionieren. Die Digitalisierung und die Energiewende kämen zum Erliegen. Aber leider handelt die EU nicht wie einst der Pharao. Würden die Rohstoffe knapp werden, wäre eine „Triage“ unausweichlich: In welche Anwendungen gehen dann die knappen Güter? In die Medizin, die Landwirtschaft oder das Militär?
Ein globaler Welthandel, fallende Zollschranken, schlicht: das Primat des Marktes hatten in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass unser Staat sich aus der Verantwortung um die Versorgung mit Rohstoffen zurückgezogen hat. Im Fokus der Politik standen Freihandel, Wettbewerb, Subventionsabbau, niedrige Sozial- und Umweltstandards in anderen Ländern und damit günstige Preise. In Friedenszeiten hat das – zumindest bei uns – zu Effizienz und Wohlstand geführt.
Doch inzwischen sind wieder schlechte Zeiten angebrochen: Staaten wie China, Russland oder die USA unterminieren den globalen Freihandel. Was in Friedenszeiten problemlos und nahezu unbegrenzt am Weltmarkt erworben werden konnte, unterliegt heute geopolitischen Restriktionen. Preise explodieren, mehr noch: Es gibt sogar ganze Lieferausfälle. Da hilft nicht mal mehr das Recycling, denn unsere Recyclingraten sind oft verschwindend gering. Wir sind abhängig von dubiosen Lieferländern und damit politisch erpressbar.
Andere Länder haben längst strategische Vorräte angelegt. In den USA haben sie eine große militärische Bedeutung, denn Rüstungsgüter brauchen Rohstoffe, gerade im Konfliktfall. Auch Japan sorgt staatlich für Rohstoffkrisen vor. Nachdem China 2010 die Versorgung mit Seltenen Erden massiv beeinträchtigt hatte, wurde diese Strategie nochmals verstärkt.
Deutschland und die EU haben das lange verschlafen. Mit dem Critical Raw Materials Act (CRMA) hat die EU 2024 zwar begonnen, ein bürokratisches Monitoring- und Koordinationssystem aufzubauen. Sie setzt Ziele für heimischen Abbau, Verarbeitung oder Recycling. Doch ausgerechnet bei der physischen Vorsorge bleibt sie zurückhaltend: Der CRMA verpflichtet die Mitgliedstaaten nicht dazu, strategische Rohstoffvorräte anzulegen. Zwar hat die EU inzwischen nachgebessert, doch Verantwortung übernimmt sie immer noch nicht. Zwischen Monitoring und Koordination und einer tatsächlich verfügbaren strategischen Rohstoffreserve klafft immer noch eine große Lücke.
Was wäre also zu tun? Zunächst eine Strategie zu entwickeln, um kurzfristig und koordiniert reagieren zu können, wenn geopolitisch verursachte Versorgungsengpässe auftreten. Das ist eine staatliche Koordinationsaufgabe. Denn die gesellschaftlichen Kosten einer Risikoabsicherung kann der Markt kaum abbilden. Viele Regelungen, die im Normalfall sinnvoll sind, müssen dann in den Hintergrund treten, um Planungs- und Reaktionszeiten zu verkürzen. Es geht dann nicht mehr um Effizienz, Wettbewerb oder Subventionsabbau. Es geht um Effektivität! Die Gesetze für solche Ernstfälle sollten bereits in der Schublade liegen und fertig verabschiedet sein. Rohstoffspeicher für die Wirtschaft sollten rasch geöffnet werden, natürlich gegen Bezahlung. Aber es gibt sie nicht.
Die Politik sollte sich fortan von drei verschiedenen „Betriebszuständen“ leiten lassen: dem Normalfall, dem Vorsorgefall und dem Krisenfall. Wir könnten bereits heute durch geeignete Maßnahmen Vorsorge treffen, um auf Rohstoffengpässe schnell reagieren zu können. Das wird (Steuer-)Geld kosten, für die Anschaffung von Rohstoffbeständen und deren Vorratshaltung, aber auch für den Erhalt und den Ausbau der sogenannten metallurgischen Infrastruktur.
Um Metalle herstellen oder recyceln zu können, brauchen wir entsprechende Industrieanlagen. Zum Beispiel Zink- oder Bleihütten, die bei uns im Normalfall kaum noch mit den chinesisch subventionierten Wettbewerbern konkurrieren können. Und die wir übrigens aus Energie- und Umweltschutzgründen lieber aus Deutschland verbannen würden. Das heißt, hier müssen wir auch unsere Prioritäten überdenken. Für die Versorgungssicherheit macht es durchaus Sinn, eine energieintensive Kupferhütte in Deutschland zu halten. Gerade für verstärktes Recycling brauchen wir diese Anlagen. Die dafür notwendige staatliche Unterstützung muss als bewusst eingegangene Vorsorgekosten verstanden werden.
Der Ausfall der Erdgaslieferung aus Russland oder die medizinische Versorgung während der Corona-Pandemie haben gezeigt, wie wichtig ein schnelles und effektives Handeln ist. Es funktioniert, wenn man es will. Es gelang uns in diesen Fällen mit großer Anstrengung und unter großen Kosten. Für die Rohstoffe sollten wir besser gerüstet sein. Für den Ernstfall. Vielleicht, damit er gar nicht erst eintritt. Weil wir dann nämlich rohstoffresilienter und nicht mehr so leicht zu erpressen wären.
abgedruckt am 22.8.2026 hier: