Wenn Erinnerungen verblassen: Matthias Jucker gibt Einblicke in den Stand der Alzheimer-Forschung

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Neue Erkenntnisse zeigen: Alzheimer beginnt lange vor den ersten Symptomen
Prof. Jucker (ein älterer Herr mit grauen Haaren und Brille) bei seinem Vortrag im Audimax der Hochschule Pforzheim.

Professor Dr. Matthias Jucker sprach an der Hochschule Pforzheim über neue Erkenntnisse in der Alzheimer-Forschung. Credit: Cornelia Kamper/ Hochschule Pforzheim

Alle 3 Sekunden erkrankt irgendwo auf der Welt ein Mensch neu an Demenz, weltweit sind aktuell ca. 60 Mio. Menschen betroffen und die Weltgesundheitsorganisation benennt Demenz als die siebthäufigste Todesursache weltweit. Damit gehört Demenz, und speziell Alzheimer, das in vielen Fällen Ursache einer Demenz ist, zu den folgenschwersten Erkrankungen des höheren Lebensalters. Zugleich gehört sie auch zu jenen Krankheiten, zu denen trotz intensiver Forschung noch viele Fragen unbeantwortet sind. Aber was wäre, wenn sich Alzheimer schon sehr viel früher erkennen ließe – und wenn es gelänge, die Krankheit noch vor dem Auftreten schwerer Symptome zu verlangsamen?

Im Studium Generale der Hochschule Pforzheim eröffnete Professor Matthias Jucker, Neurowissenschaftler von der Universität Tübingen, dem Publikum einen Blick hinter die Kulissen der Alzheimerforschung. Anschaulich und kenntnisreich erläuterte er, wie Alzheimer entsteht, warum die Krankheit vermutlich Jahrzehnte vor den ersten Symptomen beginnt und welche Hoffnungen mit neuen Diagnose- und Therapieansätzen verbunden sind.

Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Erkenntnis, dass Alzheimer nicht erst mit den ersten Gedächtnisproblemen beginnt. Vielmehr, so Jucker, setzten krankhafte Prozesse im Gehirn oft schon viele Jahre vorher ein. „Alzheimer beginnt mindestens 20 Jahre vor den klinischen Symptomen“, erklärte er. Gerade diese lange Vorphase eröffne neue Möglichkeiten für Forschung, Diagnose und Therapie. Anschaulich schilderte Jucker, wie sich krankhafte Eiweißablagerungen im Gehirn über lange Zeit entwickeln und warum die Wissenschaft heute versucht, genau an diesem frühen Punkt anzusetzen.
 

2 Frauen (Organisatorinnen des Studium Generale), sowie zwei Herren (Rektor der Hochschule und der Referent) lächeln in die Kamera.Prof. Dr. Nadine Walter, Prof. Dr. Ulrich Jautz, Neurowissenschaftler Prof. Dr. Matthias Jucker und Prof. Dr. Frauke Sander. Foto: Cornelia Kamper / Hochschule Pforzheim.

Dabei spannte der Neurowissenschaftler den Bogen von der Diagnose bis zur Therapie. Er erläuterte, wie sich Alzheimer heute deutlich präziser und einfacher diagnostizieren lasse als noch vor wenigen Jahren – und künftig wohl sogar auch durch Bluttests. Besonders eindrücklich war sein Einblick in aktuelle Therapieansätze mit Antikörpern, die gezielt gegen krankhafte Eiweißablagerungen wirken. Diese Medikamente seien ein wichtiger Fortschritt, auch wenn sie noch keine Heilung ermöglichten. „Es gibt noch keine befriedigende Therapie, aber vielleicht bald“, so Jucker.

Zugleich machte der Referent deutlich, dass Forschung selten geradlinig verläuft. Gerade darin lag für viele im Publikum die besondere Stärke des Abends: Jucker zeigte Wissenschaft als offenen, schrittweisen Prozess, in dem neue Erkenntnisse frühere Annahmen verändern und Fortschritte oft in kleinen, aber entscheidenden Schritten entstehen. Immer wieder gelang es ihm, komplexe biomedizinische Zusammenhänge verständlich und mit einem feinen Sinn für Humor zu vermitteln.

Zum Schluss richtete Jucker den Blick auf die Prävention. Neben bekannten Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, sozialer Isolation oder bestimmten Vorerkrankungen verwies er auch auf neuere Forschungsbefunde, etwa zu möglichen Zusammenhängen zwischen Impfungen und einem geringeren Alzheimer-Risiko. Eine einfache Lösung gebe es zwar nicht, doch der Abend machte deutlich, dass die Forschung heute weiter ist als noch vor wenigen Jahren – und dass die Hoffnung berechtigt ist, Alzheimer künftig früher erkennen und wirksamer behandeln zu können