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"Das machen wir aus tiefer Überzeugung"

Boysen-Geschäftsführer Rolf Geisel.

Rolf Geisel, Geschäftsführer der Boysen Gruppe, im Interview über sein Engagement im Weiterbildungsangebot der Hochschule.

Welchen Stellenwert hat berufliche Weiterbildung für Sie und Ihr Unternehmen?

Zwischen den 1990er Jahren und heute haben sich die Entwicklungszyklen in unserem Kerngeschäft Abgastechnik aufgrund immer besserer und schnellerer Simulationsmethoden von durchschnittlich 48 auf 18 Monate verkürzt. Im gleichen Zeitraum hat sich der Automatisierungsgrad unserer Produktion von 50 auf über 90 Prozent erhöht. Parallel dazu entstehen neue Berufsbilder, die man vor zehn Jahren noch gar nicht kannte. Und die Anforderungen an diese neuen Berufe steigen stetig. Früher reichte das Wissen aus Studium oder Ausbildung für weite Teile des gesamten Berufslebens. Das gilt heute nicht mehr. Was ein angehender Data Scientist oder ein Digital Transformation Manager heute lernt, kann in wenigen Jahren schon Schnee von gestern sein. Kurzum: Mit Blick auf die enorme Geschwindigkeit der digitalen und technologischen Transformation wird lebenslanges Lernen zur Grundvoraussetzung für die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens – und für die eigene erfolgreiche Karriere.  

Die Akademie der Hochschule Pforzheim profitiert sehr von Boysen als Partner und größtem Kunden. Warum ist die AHP der richtige Weiterbildungspartner für Sie?

Zum einen, weil es in unserer Region einfach nicht genügend Angebote zur Weiterbildung gibt. Zum anderen hat uns die AHP vom Start weg aufgezeigt, dass sie das Prinzip des lebenslangen Lernens bis in den Kern hinein verinnerlicht hat – und das enorme Tempo mitgehen kann. Voraussetzung dafür ist, dass sich auch die Lehrkräfte ständig weiterbilden und bei der Umsetzung neuer Kurse und Programme immer die Anforderungen der Wirtschaft im Blick haben. Auf dieser Basis werden von den Professoren der AHP immer wieder Glanzlichter gesetzt. Ein Beispiel dafür ist das Ein-Tages-Programm speziell für Top-Manager, die nicht jede Woche zur gleichen Zeit einen Kurs besuchen können. Was man da binnen kürzester Zeit mitnimmt, hat mich tief beeindruckt. Deshalb haben wir bereits 2016 die AHP-Außenstelle in Nagold mit ihrem praxisbezogenen Weiterbildungsprogramm mit ins Leben gerufen und übernehmen für unsere besten Mitarbeiter seither auch die Studienkosten.


Was sind für Sie die wichtigsten Investitionen in die Zukunft?

Die Welt hat sich schon immer verändert, aber die Geschwindigkeit dieser Veränderungen steigt rasant an. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz, die datengetriebene Produktion, die Einführung von Cloud-Diensten oder die Vernetzung unserer Standorte sind unabdingbar. Um diese Aufgaben zu meistern, investieren wir seit einigen Jahren konsequent in den Ausbau unseres IT-Teams und der entsprechenden Strukturen.   
Darüber hinaus stehen wir mit unserem Kerngeschäft Abgastechnik auch mitten in der technologischen Transformation. Unabhängig der Sinnhaftigkeit zwingt uns der Hype um Elektrofahrzeuge dazu, heute die entsprechenden Weichen zu stellen, damit die Arbeitsplätze bei Boysen auch in 20 Jahren noch bestehen. Einerseits setzen wir dabei auf Produkttransfers von der Abgastechnik hin zur Elektromobilität, wobei das Spektrum vom Strukturbauteil bis zum Batteriegehäuse reicht. Andererseits sehe ich für Boysen im Bereich der Energietechnik ein enormes Potenzial. Seit fast drei Jahren zählt das Dortmunder Unternehmen Volterion, das auf Redox-Flow-Batteriesysteme als stationäre Energiespeicher setzt, zu unserer Unternehmensgruppe. Darüber hinaus forschen wir in Kooperation mit dem Spin-off Cenmat aus Waldenbuch an der Brennstoffzellentechnologie und werden noch in diesem Jahr mit dem Bau eines eigenen Entwicklungszentrums für Wasserstoff in Simmersfeld beginnen.

Welche Rolle spielt dabei Strategisches Innovationsmanagement?

Je begrenzter die Mittel und Möglichkeiten, desto entscheidender ist das strategische Vorgehen. Ein Konzern mit Milliardengewinnen kann unabhängig der eigenen Kernkompetenzen eine Vielzahl von Firmen oder Start-ups in der Hoffnung übernehmen, dass wenigstens ein paar davon zum Fliegen kommen. Bei uns hingegen muss jeder neue Schuss sitzen, indem wir unsere eigenen Kompetenzen wie am Beispiel der erwähnten Produkttransfers voll ausspielen oder diese Kompetenzen in Bereichen mit enormem Zukunftspotenzial – dazu zählt für uns die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie – gezielt ausbauen.

Wie sehen Sie die Region Nordschwarzwald in Sachen Digitalisierung aufgestellt?

Wenn man bei den Schulen anfängt, dann hat spätestens die Corona-Pandemie uns allen aufgezeigt, dass die Bildungspolitik in unserem Land – und damit auch in unserer Region – der digitalen Transformation schon weit hinterherhinkt. Aus diesem Grund haben wir als Boysen Gruppe bereits 2015 ein Förderprogramm ins Leben gerufen, von dem etliche Schulen im Landkreis Calw profitieren und folglich auch hoffentlich besser und schneller auf digitalen Unterricht umstellen konnten. Das Spektrum reicht von einer Hardware-Ausstattung mit Tablets, Notebooks oder Robotern für die Gymnasien in Altensteig und Bad Wildbad, über Kooperationsprojekte wie DigiMint+ am OHG Nagold oder die Schüler-Ingenieur-Akademie an der Rolf-Benz-Schule Nagold, bis hin zu unserem Engagement an der Doertenbach-Schule Calw, wo wir den Seminarkurs Informatik begleiten.

Zudem ermöglichen Sie als wichtigster Kooperationspartner auch die Weiterbildung durch die AHP …

... das alles machen wir nicht, um einmal im Jahr in der Zeitung zu stehen, sondern aus tiefer Überzeugung. Wenn wir 2020 nicht entschieden hätten, die Mittel für die AHP-Außenstelle Nagold massiv aufzustocken, würde es das Weiterbildungsangebot im Landkreis Calw wohl nicht mehr geben. Im Grunde brauchen wir noch viel mehr solcher Angebote. Aber auch wir als Unternehmen gelangen irgendwann an unsere Grenzen. Deshalb hoffe ich auf deutlich mehr Unterstützung vonseiten der Politik und anderer Institutionen wie der IHK und dem Arbeitsamt. Nochmal: Die Berufswelt ist eine andere wie vor zehn Jahren. Und sie wird sich in den nächsten zehn Jahren weiter grundlegend verändern. Das geht nun einmal nicht ohne Veränderungen und Neuerungen im Bildungsbereich, die allesamt nach finanziellen Mitteln verlangen.
Auf der anderen Seite liegt es an den Unternehmen, solche Weiterbildungsangebote auch anzunehmen und in ihre Mitarbeiter zu investieren. Aus Boysen Sicht haben bis heute insgesamt 26 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Programmen der AHP teilgenommen. Erfreulicherweise konnten bislang sieben davon ihren Masterabschluss erlangen.

Sie haben sich neben Ihrem Engagement bei der AHP auch schon als Projektpartner auf verschiedenen Ebenen eingebracht. Wie wichtig sind Ihnen praxisorientierte Forschungsprojekte?

Enorm wichtig! Mit einer jährlichen Fördersumme von deutlich über einer Million Euro leistet die gemeinnützige Friedrich-und-Elisabeth-Boysen-Stiftung bereits seit 1996 finanzielle Unterstützung für wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der Umwelttechnik. Darüber hinaus vergibt die Stiftung Preise für herausragende Studien-, Diplom- und Doktorarbeiten an der Universität Stuttgart, der TU Dresden sowie am Karlsruher Institut für Technologie.

Jedoch gibt es einen großen Unterschied zwischen universitärer Forschung und industrieller Entwicklung: Um Geld zu verdienen und die Mitarbeiter bezahlen zu können, muss ein Unternehmen viel schneller auf den Punkt – und damit zur Innovation – kommen. Das geht nur mit Praxisorientierung. Und mit den Möglichkeiten der Digitalisierung steigt beim Blick auf die Entwicklungsdauer auch der Druck.

Sie haben zuletzt wieder einmal einen Umsatzrekord aufgestellt. Verraten Sie uns Ihr Erfolgsgeheimnis?

Unser nachhaltiges Wachstum begründet sich vor allem in drei Faktoren: Erstens arbeiten wir ausschließlich für Premiumkunden. Und seit dem Aufkommen der Pandemie zeigt sich, dass Premium in Krisenzeiten noch höher in der Käufergunst steht. So vor allem im wichtigsten Automobilmarkt China. Zweitens können wir uns als vergleichsweise kleiner Wettbewerber dank herausragender Arbeit in allen Leistungsbereichen auch bei schrumpfenden Verbrennervolumen immer noch attraktive Neuaufträge sichern. Drittens tragen unsere Anstrengungen, unser Portfolio um neue Produktgruppen für reine Elektrofahrzeuge zu ergänzen, bereits erste Früchte.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Seit Jahrzehnten setzen wir bei allen Um- und Neubauten unserer Standorte auf den Einsatz von hochmoderner Umwelt- und Energietechnik. Dahinter stehen enorme Investitionen, für die ich früher teils belächelt wurde, weil sie schlicht als unnötig erachtet wurden. Heute sind wir damit einer der Vorreiter im Bereich der ressourcenschonenden Produktion. Weil das Thema aufgrund der aktuellen Klimadiskussionen bei Auftragsvergaben eine immer größere Rolle spielt, haben wir uns frühzeitig – und zwar lange bevor das Thema „Nachhaltigkeit“ zum Modewort wurde – weitere Wettbewerbsvorteile gesichert.
Zusammengenommen lautet meine Antwort auf diese Frage: Bereitschaft zur Veränderung und Mut zum Risiko.

Vielen Dank für das Gespräch!