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Ringvorlesung mit Liza Wohlfart

Vortrag von Liza Wohlfart: Frugale Innovationen. Oder: Darf’s ein bisschen weniger sein?

Liza Wohlfart ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart.

In ihrem Vortrag am 26. 4. 2018 an der Hochschule Pforzheim ging es ihr darum, den Zuhörern anhand von vielfältigen Praxisbeispielen das Thema Frugale Innovationen näher zu bringen. Das Fraunhofer IAO beschäftigt sich bereits seit 2008 mit dem Thema.

 Was ist eine frugale Innovation?

Das englische Wort „frugal“ bedeutet genügsam, einfach, schlicht oder sparsam und trifft damit bereits den Kern von frugalen Innovationen. Frugale Innovationen zeichnen sich nicht durch Technologiesprünge oder neue Funktionalitäten aus, sondern durch eine Reduktion auf Kernfunktionen, eine drastische Kostenreduktion und ein angepasstes Leistungsniveau. Das Ziel ist es, Produkte perfekt auf die Bedürfnisse einer definierten preissensitiven Kundengruppe zuzuschneiden. Eins dürfen diese Innovationen aber nicht sein: qualitativ minderwertig.

Treiber frugaler Innovationen

Als Treiber frugaler Innovationen lassen sich in den letzten Jahren zwei Entwicklungen beobachten. Zum einen wird Einfachheit zunehmend zum Kundenwunsch. Kunden wollen Geräte, die sich einfach und ohne einen ständigen Blick in die hundertseitige Anleitung bedienen lassen sowie lediglich über die wesentlichen Funktionen verfügen. Zum anderen spielt das Budget, das den Kunden zur Verfügung steht eine Rolle. So sind frugale Innovationen insbesondere für Schwellen- und Entwicklungsländer wichtig.

Unterstützt werden diese beiden Treiber durch Bewegungen und Strömungen, die sich derzeit entwickeln. So ist insbesondere bei jungen Menschen ein Trend hin zur Einfachheit zu erkennen. Diese Minimalismusbewegung kennzeichnet sich durch die Wertschätzung eines einfachen und nachhaltigen Lebensstils sowie die bewusste Reduktion materieller Güter.

Beispiele frugaler Innovationen

Ein Beispiel für eine erfolgreiche frugale Innovation ist der kleine mobile Kühlschrank „Chotukool“ der indischen Firma Godrej Appliances. Das Unternehmen entwickelte gezielt einen Kühlschrank für eine Kundengruppe mit geringem Einkommen, kleiner Wohnung und unregelmäßiger Stromversorgung. Hierfür wurde die Zielgruppe im Vorfeld ausführlich befragt und in den Entwicklungsprozess miteinbezogen.

Ein im europäischen Raum sehr bekanntes Beispiel ist Dacia. Hierbei wurde von Renault ein Fahrzeug entwickelt, das mit unebenen Straßen, hohen Außentemperaturen und niedriger Benzin-Qualität zurechtkommt. Es handelt sich dennoch um ein Fahrzeug von guter Qualität. Ein Trend, der hier genutzt wurde, ist die Tatsache, dass die Bedeutung des Autos als Statussymbol rückläufig ist.

Frugale Innovationen können aber auch scheitern, insbesondere dann, wenn die Kundengruppe bzw. der Kundenbedarf falsch eingeschätzt wird. So sollte der indische Tata Nano ein billiges Auto für wirtschaftsschwache Bevölkerungsschichten sein. Doch wollen genau diese armen Menschen kein Auto, das billig aussieht und geben daher lieber alten Fahrzeugen bekannter europäischer Marken beim Autokauf den Vorzug.

Forschung zu frugalen Innovationen

Im Bereich frugaler Innovationen existieren verschiedene Perspektiven, die am Fraunhofer IAO auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin untersucht werden. So unterscheidet man zwischen Corporate Frugal und Grassroot Frugal.

Corporate Frugal bezieht sich auf die Aktivitäten großer etablierter Unternehmen. Hierbei wird das vorhandene Portfolio durch reduzierte Lösungen ergänzt, wodurch eine Absicherung gegen Konkurrenten aus dem Niedrigpreissektor erfolgt. Es besteht also eine vorwiegend ökonomische Zielsetzung. Um Kannibalisierungseffekte mit der eigenen Marke zu vermeiden, müssen diese Lösungen entsprechend kenntlich gemacht und positioniert werden. Ein Beispiel hierfür sind die IBIS Budget Hotels.

Grassroot Frugal hingegen sind improvisierte, qualitativ hochwertige Lösungen von Erfindern mit limitierten Ressourcen. Diese Innovationen gehen in der Regel mit sozialen und ökologischen Zielen einher, jedoch scheitern sie  häufig an der Skalierbarkeit.

Aktuell ist das Fraunhofer IAO dabei ein Labor für frugale Produkte aufzubauen. Darüber hinaus wird am Mix von agilen Methoden und frugalen Innovationen geforscht, um Unternehmen geeignete Vorgehensweisen zur Entwicklung frugaler Produkte zur Verfügung stellen zu können.

Frugale Innovationen – alles andere als einfach 

Ihren Vortrag schloss Liza Wohlfart mit einem Zitat von Blaise Pascal: „Ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben.“. Damit verdeutlichte sie noch einmal, dass frugale Innovationen zwar in ihrem Kern einfach sind, ihre Entwicklung aber alles andere als einfach ist. Die Reduktion von etwas Vorhandenem auf das für eine definierte Kundengruppe Wesentliche, erfordert ein Team bestehend aus den besten Köpfen des Unternehmens.

Weitere Informationen und das Programm der Ringvorlesung finden Sie hier.