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Materialflusskostenrechnung 2.0

Marlene Preiß (l.) und Aline Hendrich (r.), Institut für Industrial Ecology (INEC).

Fand die Ringvorlesung Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit letztes Semester ausschließlich online statt, kann man sie nun im Wintersemester sowohl live als auch digital erleben. Den Auftakt im Wintersemester machten Aline Hendrich und Marlene Preiß, die beide wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für Industrial Ecology (INEC) sind. In ihrem Vortrag sprachen die Referentinnen über die Methode der Materiaflusskostenrechnung und mögliche Ansätze zu deren methodischen Weiterentwicklung, die im Rahmen des Forschungsprojekts MaFImA verfolgt werden.

Vor dem eigentlichen Vortrag stimmten die Referentinnen das Publikum mit einem kleinen Dialog zwischen einer Beraterin und einer Unternehmerin auf die Methode der Materialflusskostenrechnung ein.

 

Entstehung und Status quo der Materialflusskostenrechnung

Der Vortrag begann mit einer kurzen Vorstellung der Materialflusskostenrechnung, die in den 1990er Jahren entstand und 2011 in Form der ISO 14051 standardisiert wurde.

Ziel der Methode ist es, die „wahren Kosten“ von anfallenden Materialverlusten zu beziffern, deren Ausmaß ähnlich einem Eisberg auf den ersten Blick nicht erkenntlich ist. Hierfür wird das Untersuchungssystem zunächst in verschiedene Schritte - sogenannte Mengenstellen - aufgeteilt. Für jede dieser Mengenstellen wird eine Input-Output-Bilanz der ein- und ausgehenden Materialien und Energieträger erstellt. Darüber hinaus werden die in den einzelnen Mengenstellen anfallenden Kosten erhoben. Die Methode unterscheidet hierbei Material-, Energie-, System- und Abfallmanagementkosten. Neben einer monetären und physikalischen Bewertung der Materialverluste ist eine Bewertung mit CO2-Emissionen möglich. Vor dem Hintergrund der immer lauter werdenden Klimadebatte wird die Einsparung von Emissionen auch an Bedeutung gewinnen, wofür die Materialflusskostenrechnung eine hilfreiche Methode ist.

Klassischerweise werden den Materialverlusten nur die Kosten ihrer Entsorgung angelastet werden. In der Materialflusskostenrechnung werden die in den Mengenstellen anfallenden Material-, Energie- und Systemkosten basierend auf dem Masseverhältnis auf die anfallenden Produkte und Verluste alloziert, d. h. zugeteilt. Diese Bewertung ermöglicht die Identifikation von Ansatzpunkten für Prozessoptimierungen. Konkrete technische Lösungen hierfür müssen allerdings von den Unternehmen selbst generiert werden

Nach der Vorstellung der Methode wurden die Anwendungsmöglichkeiten an drei konkreten Beispielen aus produzierenden Unternehmen verdeutlicht. Hierbei wurde auch auf Schwierigkeiten und Nutzen der Methode eingegangen. Schwierigkeiten finden sich häufig in der Methodenkenntnis und der Beschaffung und Verfügbarkeit von Daten. Den Nutzen der Methode sehen die Unternehmen in einer verbesserten Transparenz, einer veränderten Entscheidungsgrundlage, aber auch in der Zusammenarbeit von vielen verschiedenen Abteilungen.

 

Anknüpfungspunkte zu verschiedenen Kostenrechnungsarten

Im weiteren Verlauf des Vortrags verdeutlichte ein Blick in die Geschichte der Kostenrechnung, wie sich verschiedene Kostenrechnungsarten im Laufe der Zeit entwickelten. Im Bereich der Teilkostenrechnung gibt es zwei verschiedene Schulen, die einen wissenschaftlichen Diskurs darüber führten, wie Kosten auf Bezugsobjekte wie z. B. Produkte aufzuteilen sind. Hier ist zunächst die Grenzplankostenrechnung anzuführen, die Hans-Georg Plaut erstmals für die Anwendung in der Unternehmenspraxis entwickelte und 1953 in der „Zeitschrift für Betriebswirtschaft“ veröffentlichte. Prof. Wolfgang Kilger von der Universität des Saarlandes leistete die theoretische Begründung und wissenschaftliche Ausarbeitung der Rechnungsart. Dies schrieb er in seinem Werk „Flexible Plankostenrechnung und Deckungsbeitragsrechnung“ nieder. Zentraler Gedanke dieser Kostenrechnungsart ist die Aufteilung der anfallenden Kosten in fixe und variable Bestandteile. Dieses Modell stieß auf großen Anklang und wurde in vielen Unternehmen umgesetzt sowie in der SAP-Software umgesetzt.

Eine weitere wichtige Schule ist die der Einzelkosten- und Deckungsbeitragsrechnung, deren Vater Prof. Paul Riebel ist und der das gleichnamige Hauptwerk verfasst hat. Im Gegensatz zur Grenzplankostenrechnung lehnte er die Aufspaltung von Kosten in fixe und variable Anteile ab. Er argumentierte in zahlreichen Publikationen, dass Kosten nur auf Bezugsobjekte verteilt werden können, wenn sie auf ein und dieselbe unternehmerische Entscheidung zurückgeführt werden können und damit von dieser verursacht wurden. Diese Vorgehensweise wird als „Identitätsprinzip“ benannt.

Während diese beiden Schulen sich im Rahmen eines angeregten wissenschaftlichen Diskurses entwickelten, haben sie doch drei Dinge gemeinsam, die auch für die Weiterentwicklung der Materialflusskostenrechnung von Bedeutung sind: Sie waren beide auf der Suche nach einer gerechten Zuteilung der Kosten, sie verfolgten beide das Ziel, zukunftsorientierte Informationen zu entwickeln, die für Unternehmen entscheidungsrelevant und -unterstützend sind und schließlich lehnten sie beide die traditionelle Vollkostenrechnung ab.

Hinsichtlich der Weiterentwicklung der Materialflusskostenrechnung sind diese Argumentationsketten zu berücksichtigen und deren Nutzung für die methodische Weiterentwicklung noch zu prüfen. Beispielsweise spricht Kilger von einem Ausschussanteil an der Produktion, der nicht zu vermeiden ist. Riebels Argumentation und dem Identitätsprinzip folgend können unternehmerische Entscheidungsoptionen danach beurteilt werden, welche Kosten sie verursachen.

 

Die Vision Materialflusskostenrechnung 2.0

Das Ziel, unternehmerische Entscheidungen zu unterstützen und Kosten verursachungsgerecht zuzuteilen, wird auch bei der Weiterentwicklung der Methode verfolgt.

Die angestrebte Materialflusskostenrechnung 2.0 soll sich stärker an der Bewertung von Maßnahmen orientieren und diese in den Mittelpunkt stellen. Es soll möglich werden, die Auswirkungen einer Maßnahme zur Reduktion von Materialverlusten auf das Gesamtsystem zu beurteilen. Auch soll die Lücke zwischen der Identifikation so genannter Hotspots und konkreten technischen Maßnahmen geschlossen werden.

Im Anschluss an den Vortrag stellten sich die Referentinnen den Fragen der Zuhörer vor Ort und den Fragen aus dem Chat. Von Interesse waren beispielsweise die Rolle von Industrie 4.0 bei der Datenerhebung, die Festlegung eines Mindestausschusses oder die Ausdehnung der Methode auf die Lieferkette.

Am 29. Oktober 2020 spricht Benjamin Fritz vom Institut für Industrial Ecology über den ökologischen Fußabdruck des Goldabbaus in Brasilien und den des Goldrecyclings in Pforzheim.