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Ihr STUDIUM GENERALE TEAM
Prof. Dr. Frauke Sander & Prof. Dr. Nadine Walter
Wer ist „Wir“? Über Migration, Identität und die Zukunft des Zusammenlebens
Unsere Gesellschaft ist mit vielen Herausforderungen konfrontiert: Kriege und humanitäre Krisen mit unmittelbaren Auswirkungen auf Europa, steigende ökonomische Ungleichheit, Teuerung und Inflation, Digitalisierung und der Aufstieg der KI, eine sich weiter aufbauende Klimakrise, der einsetzende demografische Wandel und eine weltweite Demokratierezession, die sich auch im Inneren zeigt. Die zunehmende Pluralisierung und Öffnung der Gesellschaft durch Flucht und Migration ist nicht ohne Spannungen und Auseinandersetzungen abgelaufen. Gesellschaftliche Konflikte zwischen Neuankommenden und jenen, die schon länger hier sind, scheinen zuzunehmen, die Fronten zwischen Migrationsbefürwortern und -skeptikern zu verhärten. Mitunter heftige Debatten und Emotionalisierung auf beiden Seiten prägen die mediale Berichterstattung.
Diese sind jedoch nicht zwingend als Zeichen zu werten, dass die pluralistische, offene Gesellschaft gescheitert ist, so die These des Vortrags. Er plädiert dafür, Debatte und gesellschaftliche Konflikte als „Wachstumsschmerzen des Wir“ zu sehen, als schmerzhafte Symptome des Ausverhandelns und Näherkommens gesellschaftlicher Gruppen unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft. Abgrenzung zwischen uns und „den Anderen“ muss nicht in Ausgrenzung und Abwertung münden, solange die Menschlichkeit und Integrität jedes und jeder Einzelnen im Zentrum steht. Wer aber ist das „Wir“ und wer sind „die Anderen“? Wer gehört dazu und wer nicht? Wie lässt sich ein größeres „Wir“ in einer vielfältigen Gesellschaft entwickeln und welche Rolle spielt (Hochschul-)Bildung dabei? Auf diese und weitere Fragen gibt die.
Judith Kohlenberger ist Leiterin des Forschungsinstituts für Migrations- und Fluchtforschung und -management (FORM),
WU Wien. Foto: Christian Lendl.
Judith Kohlenberger ist habilitierte Soziologin. Sie leitet das Forschungsinstitut für Migrations- und Fluchtforschung und -management (FORM) an der WU Wien, ist Affiliate Policy Fellow am Jacques Delors Centre in Berlin und Associated Researcher am Einstein Center Digital Future. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift für Flucht- und Flüchtlingsforschung, Mitglied des Integrationsrats der Stadt Wien und Host des Podcasts „Aufnahmebereit“. Ihr Buch Das Fluchtparadox (2022) war österreichisches Wissenschaftsbuch des Jahres 2023 und für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert. Zuletzt erschien 2025 ihr aktuelles Buch „Migrationspanik“.
Ist Deutschland verteidigungsbereit? Was der sicherheitspolitische Umbruch für die Bundeswehr bedeutet
Die letzten Jahre haben für Deutschland und Europa massive Veränderungen gebracht – meist in Form von Überraschungen und Schocks, die bisherige Gewissheiten erschüttert und gewohnte Stabilität gefährdet haben. Die völkerrechtswidrige Vollinvasion Russlands in der Ukraine 2022, die Wahl Donald Trumps, die Rede von Vizepräsident J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025, der terroristische Überall der Hamas auf Israel und der darauffolgende Gaza-Krieg 2023-25 sowie der Iran-Krieg 2026 – all dies sind Ereignisse mit gravierenden Auswirkungen auf die Sicherheit in Deutschland und Europa. Sie haben zudem massive Folgen für die Sicherheitsinstitutionen in NATO und EU sowie für die sicherheitspolitischen Instrumente der Bundesrepublik, vor allem die Bundeswehr. Diese muss sich nun auf die Möglichkeit eines Krieges in Europa einstellen und unter hohem Zeitdruck realistische Kriegs- und Verteidigungsfähigkeit herstellen. Doch eine Konzentration auf die unmittelbare Bedrohungsabwehr reicht nicht aus; vielmehr braucht es auch eine Vorbereitung auf die Herausforderungen und Risiken der Zukunft. Gerade auf militärischem Gebiet prägen derzeit schnelle technische und konzeptionelle Veränderungen das Geschehen. Hier mitzuhalten – und möglicherweise sogar führend zu sein – kann künftig über Erfolg oder Niederlage entscheiden. Die Methoden der strategischen Vorausschau und Zukunftsforschung können einen wesentlichen Beitrag zur Bewältigung bereits heute erkennbarer Risiken und Bedrohungen auf militärischem Gebiet leisten. Dabei geht es nicht um Vorhersagen, sondern vielmehr um das Erkennen von Möglichkeiten und Handlungsoptionen sowie um das frühzeitige Erkennen von relevanten Trends für das Gefechtsfeld der Zukunft. Der Vortrag geht der Frage nach, wie die Bundeswehr heute aufgestellt werden muss, um den veränderten sicherheitspolitischen Herausforderungen gewachsen zu sein.
Dr. Olaf Theiler ist Historiker und Politikwissenschaftler. Er studierte an der Freien- und Humboldt-Universität in Berlin. Nach langjähriger Tätigkeit an der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation (AIK), zuletzt als Fachbereichsleiter Information, arbeitete er von 2007 bis 2012 im Internationalen Stab der NATO (Operations Division). Anschließend war er bis März 2014 im Bundesministerium der Verteidigung in der Abteilung Strategie und Einsatz als Grundsatzreferent NATO und EU eingesetzt. Seit März 2014 ist er Referatsleiter Zukunftsanalyse im Planungsamt der Bundeswehr.
Das stille Sterben der Natur – wie das Artensterben unsere Zukunft bedroht
Mit dem gegenwärtigen Fokus auf die Klimakrise übersehen wir die existenzielle Bedrohung der Natur insbesondere aufgrund des Artenschwundes. Dabei ist die biologische Vielfalt unsere Lebensversicherung, weil sie zugleich für resiliente Lebensräume sorgt.
In seinem aktuellen Buch „Das stille Sterben der Natur: Wie wir die Artenvielfalt und uns selbst retten“ argumentiert Prof. Glaubrecht, durch den alleinigen Fokus auf die Klimakrise übersehen wir die existenzielle Bedrohung durch das Artensterben – aber beides sei überlebenswichtig: Artenschutz und Klimaschutz.
Der Populationsverlust von Arten ist schleichend, die Klimakrise mit Extremwetterereignissen unübersehbar, deshalb – auch in Wissenschaft und Politik – prioritär. Doch weltweit haben wir in den letzten Jahrzehnten beispielsweise zwei Drittel der Biomasse an Insekten verloren und sehen demographische Verluste in ähnlicher Größenordnung bei vielen anderen Tierpopulationen. Das Problem ist dabei nicht das Aussterben einzelner Arten, sondern der dramatische Schwund der Biodiversität insgesamt.
Wie beim Klimaschutz sind auch beim Artenschutz drei Handlungsebenen erforderlich: Die Politik muss Vorgaben machen, Unternehmen und insbesondere die Landwirtschaft müssen ihren Fokus und wir Individuen unser Verhalten ändern. Im Zuge der Biodiversitätsberichterstattung haben einige Unternehmen bereits Konsequenzen gezogen, aber politische Leitplanken werden nicht gezogen und nicht eingehalten, Schutzgebiete bleiben Inseln, unsere Nahrungssicherheit wird zunehmend gefährdet. Letztlich aber verdanken wir funktionierenden Ökosystemen und einer intakten Natur unsere Lebensgrundlage.
Dr. Matthias Glaubrecht ist Professor für Biodiversität der Tiere an der Universität Hamburg und Buchautor.
Foto: UHH/ Sebastian Engels.
Matthias Glaubrecht ist Evolutionsbiologe, Biosystematiker und Wissenschaftshistoriker. Als Professor für Biodiversität der Tiere ist er an der Universität Hamburg tätig und zugleich am Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels für den Aufbau eines neuen Naturkundemuseums als „Evolutioneum“ in Hamburg verantwortlich.
Er ist zudem seit vielen Jahren als preisgekrönter Publizist tätig und Autor unter anderem des „Spiegel“-Bestsellers „Das Ende der Evolution“. Im Jahre 2023 wurde er von der Akademie für Sprache und Dichtung mit dem renommierten Sigmund Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa geehrt.
„You are the media now“ – Bernhard Pörksen über Widersprüche der digitalen Öffentlichkeit
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Prof. Dr. Bernhard Pörksen ist Kommunikationsexperte und Professor für Medienwissenschaft in Tübingen. Fotos: Cornelia Kamper / HS PF
Hass im Netz, die Macht weniger Tech-Konzerne und KI-generierte Inhalte, bei denen niemand mehr weiß, wer eigentlich spricht: Wie verändert die digitale Revolution unsere Öffentlichkeit, und unsere Wahrnehmung der Welt? Wer bestimmt eigentlich, was wir sehen (und was nicht), und welche Interessen stecken dahinter? Antworten auf diese Fragen gab Dr. Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und international anerkannter Kommunikationsexperte, in seinem Vortrag im Studium Generale der Hochschule Pforzheim.
Der neue Autoritarismus im Gewand der Freiheit
Pörksen zitierte zu Beginn Tech-Milliardär Elon Musk: „You are the media now.“ Der Satz klinge nach Gegenkultur und Aufbruch, wie bei den frühen Computer-Hippies, die Pörksen im Silicon Valley erforscht hat. Genau darin sieht er den Trick: „Der neue Autoritarismus spricht die Sprache der Anti-Autoritären.“ Unsere digitale Medienwelt sei voller Widersprüche dieser Art, so der Medienwissenschaftler, und ging auf drei Gegensätze genauer ein. Erstens: Das Netz gibt vielen Menschen erstmals eine Stimme und öffnet damit neue Kommunikationsräume. Zugleich schlössen sich jedoch Zugänge, da die Macht wie nie zuvor in der Mediengeschichte bei nur wenigen Big-Tech-Konzernen liegt. So erhielten zum Beispiel Meta, Amazon und Google im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte aller Online-Werbegelder weltweit. Pörksen sprach hier von einem „digitalen Feudalismus“: Ein paar wenige herrschen wie Fürsten über den Raum, in dem wir alle diskutieren. Zweitens: Im Netz stehen sich Hass und Hetze einerseits und übertriebene Empfindlichkeit andererseits gegenüber. Das ruhige, respektvolle Gespräch, das es im Alltag durchaus gibt, kommt gerade in den sozialen Medien kaum vor. Drittens: Der Journalismus vor Ort, etwa die Lokalzeitung, wird schwächer, obwohl er für die Demokratie wichtig ist. Dafür entscheiden Online-Plattformen und KI-Firmen immer stärker, was Milliarden Menschen zu sehen bekommen – hier stehen sich Demokratisierung der Medienlandschaft und massive Monopolbildung als Gegensätze gegenüber.
(v.l.n.r.) Prof. Dr. Frauke Sander, Rektor Dr. Ulrich Jautz, Prof. Dr. Bernhard Pörksen, Prof. Dr. Nadine WalterWas das für die Stimmung in der Gesellschaft bedeutet, zeigte Pörksen anhand von drei Werken aus seinem Bücherregal. Die erste Folge ist Gereiztheit. Weil uns Nachrichten aus aller Welt ungefiltert und in Echtzeit erreichen, gibt es keinen Rückzugsort mehr, wie ihn Thomas Manns „Zauberberg“ beschreibt: „Wir kommen uns im digitalen Dorf zu nahe.“ Die zweite Folge ist Rückzug. Viele Menschen wenden sich erschöpft von den Nachrichten ab. Wie Henry Thoreau in „Walden“ suchen sie ihren Seelenfrieden, indem sie sich ausklinken. Die dritte Folge ist Verunsicherung. Wie in Alan Turings berühmtem Test wissen wir oft nicht mehr, ob ein Mensch oder eine Maschine zu uns spricht. Rund die Hälfte aller Beiträge in sozialen Netzwerken soll inzwischen KI-generiert sein. Daraus entstehe ein „Fake-Gefühl“, das das Vertrauen in Wahrheit insgesamt untergrabe.
Drei Anstrengungen für mehr Mündigkeit in den Medien
Trotz aller Skepsis bekannte sich Pörksen zum Aufklärungsoptimismus: Dieser sei „alternativlos und macht das Leben sogar freudvoller“. Er skizzierte drei Wege: Erstens brauche es Bildung. Pörksen forderte ein eigenes Schulfach für die „redaktionelle Gesellschaft der Zukunft“, in dem z.B. Grundsätze des guten Journalismus wie „Prüfe erst, publiziere später“ gelehrt werden. Hoffnung machten ihm Initiativen wie „Journalismus macht Schule“. Zweitens brauche es behutsame Regulierung. Der Digital Services Act der EU sei der richtige Weg, ob er sich geopolitisch durchsetzen lasse, sei jedoch offen. Drittens gelte es, das Zuhören neu zu lernen. In einer anderen Medienepoche seien Informationen knapp gewesen, heute sei eher die Aufmerksamkeit knapp. Pörksens Appell lautete daher: „erst verstehen und dann verstanden werden“.
Zum Abschluss des Abends räumte Pörksen ein, in dunklen Momenten zu fürchten, dass uns angesichts von KI-Revolution, bedrohter Demokratie und Klimakrise die Zeit davonläuft. Und doch gebe es zum Vertrauen in die Urteilskraft und Mündigkeit der Mitmenschen keine echte Alternative. Wer als Optimist am Ende falsch liege, habe zumindest das bessere Leben gehabt.
Wirtschaft und Politik im Umbruch - Chancen und Risiken einer neuen Weltordnung
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(v.l.n.r.) Rektor Prof. Dr. Ulrich Jautz, Prof. Dr. Nadine Walter, Referent Prof. Dr. Michael Hüther und Prof. Dr. Frauke Sander
Offene Märkte, Freihandelsabkommen und multilaterale Kooperationen – die Welt hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg immer weiter vernetzt. Globalisierung und freier Handel schienen uns selbstverständlich. Doch spätestens seit der Corona-Pandemie verändert sich die Dynamik zwischen den Kontinenten rasant und scheinbar unaufhaltsam. Welche Gefahren das birgt und welche Chancen in der Veränderung stecken, erläuterte Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, am Mittwochabend im Studium Generale der Hochschule Pforzheim.
Der Vortrag des Experten trug den Titel „Doppelter Epochenbruch: Wie Geopolitik Europas Wirtschaftsordnung verändert“. Hüther legte anschaulich dar, was er unter dem doppelten Epochenbruch versteht. Zum einen steigen Handelshemmnisse, der Protektionismus nehme zu und in vielen Ländern seien die Freiheitsrechte unter Druck. Zum anderen sinke die Relevanz Europas. „Die EU setzt keine relevanten Standards mehr für die Welt“, so Hüther. Gleichzeitig begann schon während der Amtszeit von Barack Obama ein schrittweiser Rückzug der USA aus ihrer bisherigen internationalen Führungsrolle – mit der Konsequenz, dass Europa nicht mehr erste Priorität der Amerikaner sei.
Gleichzeitig stehen Europa und China gleichermaßen vor der Herausforderung einer Überalterung ihrer Bevölkerung, die das Wirtschaftswachstum durch einen Fachkräftemangel langfristig einbremsen könnte. „China wird seinen Einfluss in der Welt weiter ausbauen. Vor allem durch Innovationen im Bereich Künstliche Intelligenz wird das Land versuchen, dem demografischen Wandel entgegenzuwirken“, sagte Hüther.
Was bedeutet das für Europa? Was jetzt zähle sei laut Hüther, die Potenziale Europas zu nutzen. Die Unabhängigkeit der EU sei derzeit in den Erneuerbaren Energien am stärksten, daran solle man weiter anknüpfen. Zudem finde eine Abwertung des Dollars als weltweite Leitwährung statt, man könne versuchen, den Euro zu stärken und als Machtinstrument zu nutzen. Dazu brauche es aber ein geschlossenes Europa und starke politische Führung, so Hüther.
Künstliche Intelligenz – zwischen Realität und Hype
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(v.l.n.r.) Prof. Dr. Nadine Walter, Prof. Dr. Ralf Otte, Rektor Dr. Ulrich Jautz und Prof. Dr. Frauke Sander. Foto: Susanne Materac / Hochschule Pforzheim
„Wir sprechen immer darüber, was alles möglich ist mit Künstlicher Intelligenz. Lassen Sie uns heute auch darüber sprechen, was nicht möglich ist“, beginnt Dr. Ralf Otte seinen Vortrag am Mittwochabend. Er ist Professor für Industrieautomatisierung und Künstliche Intelligenz an der Technischen Hochschule Ulm und sprach im Studium Generale über die aktuelle Realität der Technologie, mit der hohe Erwartungen verbunden sind. Das Publikum – begeistert.
Bereits in den 1950er Jahren begann die Geschichte der Künstlichen Intelligenz. Sie ist ein Forschungsgebiet der Informatik und beschäftigt sich seit den Anfängen mit algorithmischen Problemlöseverfahren. „Wir befinden uns heute bereits in der dritten Welle der Künstlichen Intelligenz. Die Chatbots, die bereits 65 Prozent der Deutschen nutzen, basieren auf sogenannten Large Language Models, die darauf trainiert werden, menschliche Sprache zu verstehen“, erläuterte Otte. „Die Weiterentwicklung von KI hat zur Vermenschlichung der Technologie geführt. Wir nutzen sie im Alltag und haben das Gefühl, sie versteht uns. Doch sie hat Grenzen.“
Prof. Dr. Ralf Otte ist Professor für Industrieautomatisierung und Künstliche Intelligenz an der Technischen Hochschule Ulm.
Fotos: Susanne Materac/ Hochschule Pforzheim
Der Experte stützte seinen Vortrag vor allem auf den Vergleich von Künstlicher Intelligenz und dem menschlichen Gehirn. Mit vielen Alltagsbeispielen machte er seinen Vortrag lebendig und sorgte für den einen oder anderen Lacher im Audimax. „KI hat kein Bewusstsein und da liegt der große Unterschied zum Menschen. Denken Sie zum Beispiel an kleine Kinder, die sind lernfähig. Sie handeln logisch. Sie fassen einmal auf eine heiße Herdplatte und verstehen, dass das wehtut“, sagte Otte und betonte, dass die KI genau dort ihre zentrale Grenze habe: Sie habe keine Fähigkeit, aus vorhandenen Daten verlässlich in die Zukunft zu schließen. Vor diesem Hintergrund sei eine technologische Revolution kurzfristig nicht zu erwarten.
Die Fehlerquote ist hoch, deswegen sei der Mensch auch unersetzlich, so Otte. Man versuche seit Jahren, Künstliche Intelligenz in Bereichen wie der Strafverfolgung zu nutzen. Bei einer Gesichtserkennung an Flughäfen aber beispielsweise, die potenzielle Straftäter*innen identifizieren könnte, haben aktuelle KI-Tools eine Fehlerquote von einem Prozent. „Das sind bei einer Million geprüfter Gesichter zehntausend fälschlich verdächtigte Personen. Nicht auszumalen, welche Auswirkung das auf die Anzahl der Falschverurteilungen hätte“, sagte Otte.
Das Fazit des Experten am Ende des Abends: KI nehme den Menschen nicht die Arbeit weg, sie verändere Arbeit lediglich. Kenntnisse in KI-Tools seien dabei, vor allem auf dem Arbeitsmarkt, die Zukunft. Die KI-Revolution, die den Menschen und seine Komplexität ersetzen könne, sei aber in weiter Ferne.
Am Ende des Vortrags nutzten die Zuschauer*innen die Möglichkeit, Fragen zu stellen und mit Prof. Dr. Otte ins Gespräch zu kommen.
Wenn Erinnerungen verblassen: Matthias Jucker gibt Einblicke in den Stand der Alzheimer-Forschung
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Professor Dr. Matthias Jucker sprach an der Hochschule Pforzheim über neue Erkenntnisse in der Alzheimer-Forschung. Credit: Cornelia Kamper/ Hochschule Pforzheim
Alle 3 Sekunden erkrankt irgendwo auf der Welt ein Mensch neu an Demenz, weltweit sind aktuell ca. 60 Mio. Menschen betroffen und die Weltgesundheitsorganisation benennt Demenz als die siebthäufigste Todesursache weltweit. Damit gehört Demenz, und speziell Alzheimer, das in vielen Fällen Ursache einer Demenz ist, zu den folgenschwersten Erkrankungen des höheren Lebensalters. Zugleich gehört sie auch zu jenen Krankheiten, zu denen trotz intensiver Forschung noch viele Fragen unbeantwortet sind. Aber was wäre, wenn sich Alzheimer schon sehr viel früher erkennen ließe – und wenn es gelänge, die Krankheit noch vor dem Auftreten schwerer Symptome zu verlangsamen?
Im Studium Generale der Hochschule Pforzheim eröffnete Professor Matthias Jucker, Neurowissenschaftler von der Universität Tübingen, dem Publikum einen Blick hinter die Kulissen der Alzheimerforschung. Anschaulich und kenntnisreich erläuterte er, wie Alzheimer entsteht, warum die Krankheit vermutlich Jahrzehnte vor den ersten Symptomen beginnt und welche Hoffnungen mit neuen Diagnose- und Therapieansätzen verbunden sind.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand die Erkenntnis, dass Alzheimer nicht erst mit den ersten Gedächtnisproblemen beginnt. Vielmehr, so Jucker, setzten krankhafte Prozesse im Gehirn oft schon viele Jahre vorher ein. „Alzheimer beginnt mindestens 20 Jahre vor den klinischen Symptomen“, erklärte er. Gerade diese lange Vorphase eröffne neue Möglichkeiten für Forschung, Diagnose und Therapie. Anschaulich schilderte Jucker, wie sich krankhafte Eiweißablagerungen im Gehirn über lange Zeit entwickeln und warum die Wissenschaft heute versucht, genau an diesem frühen Punkt anzusetzen.
Prof. Dr. Nadine Walter, Prof. Dr. Ulrich Jautz, Neurowissenschaftler Prof. Dr. Matthias Jucker und Prof. Dr. Frauke Sander. Foto: Cornelia Kamper / Hochschule Pforzheim. Dabei spannte der Neurowissenschaftler den Bogen von der Diagnose bis zur Therapie. Er erläuterte, wie sich Alzheimer heute deutlich präziser und einfacher diagnostizieren lasse als noch vor wenigen Jahren – und künftig wohl sogar auch durch Bluttests. Besonders eindrücklich war sein Einblick in aktuelle Therapieansätze mit Antikörpern, die gezielt gegen krankhafte Eiweißablagerungen wirken. Diese Medikamente seien ein wichtiger Fortschritt, auch wenn sie noch keine Heilung ermöglichten. „Es gibt noch keine befriedigende Therapie, aber vielleicht bald“, so Jucker.
Zugleich machte der Referent deutlich, dass Forschung selten geradlinig verläuft. Gerade darin lag für viele im Publikum die besondere Stärke des Abends: Jucker zeigte Wissenschaft als offenen, schrittweisen Prozess, in dem neue Erkenntnisse frühere Annahmen verändern und Fortschritte oft in kleinen, aber entscheidenden Schritten entstehen. Immer wieder gelang es ihm, komplexe biomedizinische Zusammenhänge verständlich und mit einem feinen Sinn für Humor zu vermitteln.
Zum Schluss richtete Jucker den Blick auf die Prävention. Neben bekannten Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, sozialer Isolation oder bestimmten Vorerkrankungen verwies er auch auf neuere Forschungsbefunde, etwa zu möglichen Zusammenhängen zwischen Impfungen und einem geringeren Alzheimer-Risiko. Eine einfache Lösung gebe es zwar nicht, doch der Abend machte deutlich, dass die Forschung heute weiter ist als noch vor wenigen Jahren – und dass die Hoffnung berechtigt ist, Alzheimer künftig früher erkennen und wirksamer behandeln zu können
- 20. Mai 2026: Prof. Dr. Michael Hüther: „Doppelter Epochenbruch – Geopolitik und Ökonomie"
- 25. März 2026: Marie-Theres Braun: “Menschen überzeugen - die Stärke der kooperativen Kommunikation”
- 19. November 2025: Christoph Heusgen: „Kriege, Krisen, Konflikte: neue Wege für die deutsche Außenpolitik“
- 12. November 2025: Peter Holzwarth: Organisierte Kriminalität – unterschätztes Risiko oder medialer Mythos?
- 24. April 2024: Uwe Schneidewind: „Urbane Zukunftskunst: Städte nachhaltig gestalten“
- 06. Dezember 2023: Prof. Dr. Hanno Beck: “Glück - was im Leben wirklich zählt”
- 23. November 2022: Professor Dr. Mario Schmidt: Ist die Goldstadt Pforzheim auch Recyclinghauptstadt? Herkunft und Verbleib von Gold
- 07. Dezember 2022: Dr. Dr. h.c. Heiner Bielefeldt: Verkanntes Menschenrecht? Aktuelle Auseinandersetzungen um die Religionsfreiheit
- 25. November 2021: Prof. Dr. Theo Wehner: Schlafen Sie auch oder sind Sie dauernd beschäftigt?
Historie des STUDIUM GENERALE
Seit 1985 lädt die Hochschule Pforzheim Studierende, Professoren, Mitarbeiter und interessierte Gäste aus der Stadt und der Region zu einem anspruchsvollen STUDIUM GENERALE-Programm ein. Die Referenten sind renommierte Wissenschaftler, Unternehmer, Politiker, Künstler und Menschen, die Außergewöhnliches geleistet haben. Hunderte von interessierten Zuhörern nutzen immer wieder die Chance zur Auseinandersetzung mit den unterschiedlichsten Themenfeldern, um ihren Horizont zu erweitern, Neues, Anregendes, manchmal auch Irritierendes zu erfahren und interessante Persönlichkeiten aus der Nähe zu erleben. Seit Oktober 2020 können alle Vorträge im Live-Stream über den YouTube-Kanal des STUDIUM GENERALE auch bequem von zu Hause aus oder von überall verfolgt und die Aufzeichnung noch etwa vier Wochen lang angeschaut werden. Sie alle sind herzlich eingeladen zum STUDIUM GENERALE an Ihrer Hochschule!
Die wissenschaftlichen Leiterinnen sind die Professorinnen Dr. Frauke Sander und Dr. Nadine Walter.
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