Bildung muss Chefsache werden!  

29.11.2010 

70 Ausbildungsexperten aus Politik, Praxis und Wissenschaft diskutierten am vergangenen Freitag, 26. November 2010, bei der Fachtagung „Berufsausbildung zwischen Pisa und Bologna“ über die (aus-) bildungspolitischen Entwicklungen im Kontext der tief greifenden Reformdynamiken im Schul- und Hochschulbereich. Das Human Resources Competence Center (HRCC) an der Hochschule Pforzheim organisierte in Zusammenarbeit mit der Daimler AG, dem Verband der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg Südwestmetall und dem Kultusministerium in Baden-Württemberg diese bundesweit erste Tagung mit dieser interdisziplinären Fragestellung.

Die Interessentenzahl für die klassische duale Ausbildung wird drastisch abnehmen. Diese Folgerung zogen die Teilnehmer der Fachtagung in Pforzheim. Immer mehr Schüler gelten als nicht ausbildungsreif. Parallel dazu forciere die Politik die Erhöhung der Akademikerquote, außerdem übe ein kürzeres Bachelorstudium eine gestiegene Anziehungskraft aus und gute Schulabgänger absolvierten lieber ein Studium als eine Ausbildung. Damit würde sich die Bewerberzahl für Ausbildungsplätze quantitativ weiter reduzieren. Eine Tatsache, die sich zwangsläufig auch auf die Qualität der Auszubildenden auswirke. Zudem zeichne sich durch den demografischen Wandel und den daraus folgenden Fachkräftemangel eine verstärkte Nachfrage nach Auszubildenden ab. Diese beiden gegenläufigen Trends belegen eine sich heftig zuspitzende Problematik.  

„Berufsausbildung ist ein integraler und auch weiterhin gewichtiger Bestandteil des gesamten Bildungssystems“, fassten die beiden Pforzheimer Professoren Dr. Fritz Gairing und Heinz Fischer vom HRCC ihre Erkenntnisse der Tagung zusammen. Berufsausbildung leiste auch in Zukunft einen zentralen Beitrag für die Employability junger Menschen und stelle zudem die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen für unsere Volkswirtschaft sicher. „Deshalb muss Bildung Chefsache werden – in den Unternehmen und in unserem Land!“ fordern die Professoren. Wenn - wie dies in allen einschlägigen politischen Statements betont werde - Bildung die bedeutendste Ressource in Deutschland sei, dann brauche die Entwicklung dieser Ressource ein konsistentes strategisches Konzept und ein mutiges und tatkräftiges Management. Die Gestaltung und Steuerung der Bildung in unserem Land dürfe nicht im parteiideologischen und wahltaktischen Gezerre in heterogenen föderalen Strukturen zerrieben werden. „Eine weitsichtige Bildungs- und Personalpolitik muss für Nachhaltigkeit einer engagierten und qualifizierten Belegschaft sorgen. Bildung muss zur Chefsache werden, sonst drohen dramatische Konsequenzen - in den Unternehmen und im ganzen Land.“

In drei Fach-Vorträgen (Prof. Dr. Bernd Ott, Technische Universität Dortmund, Prof. Dr. Andreas Diettrich, Universität Rostock und Frank Straub, Vorsitzender des Verwaltungsrats der BLANCO-Gruppe) wurden vor allem die aktuellen Entwicklungen der Bildungssysteme Schule, Ausbildung und Hochschule und deren praktische Konsequenzen aufgezeigt. In den nachfolgenden Foren diskutierten die Tagungsteilnehmer dann vor allem über die Interdependenz zwischen den verschiedenen Bildungssystemen und die praktische Bedeutung der wechselseitigen Dynamiken. Erstmals wurde bei dieser Fachtagung die Berufsausbildung im Kontext des gesamten Bildungswesens diskutiert. Schule, berufliche Bildung und Hochschule wurden als integratives System bewertet. „Wenn wir berufliche Bildung als lebenslanges Lernen ernst nehmen, dann muss der letzte Tag in der Ausbildung der erste Tag der betrieblichen Weiterbildung sein“, erklärte Frank Straub sein Verständnis eines nachhaltigen Personalmanagements.